«Ich habe einen Schweizer Kopf»
Was haben Sol Gabetta, Janine Jansen, Hélène Grimaud und András Schiff gemeinsam? Sie treten demnächst mit dem Tonhalle-Orchester Zürich auf. Und: Sie leben oder lebten in der Schweiz.
Als Richard Wagner am 28. Mai 1849 in die Schweiz einreiste, tat er das nicht gerade freiwillig. Wegen seiner Beteiligung am Dresdner Maiaufstand wurde er steckbrieflich gesucht («37 – 38 Jahre alt, mittlerer Statur, hat braunes Haar und trägt eine Brille»). Die Schweiz sollte die erste Etappe auf seiner Flucht nach Paris sein, für den Grenzübertritt bei Rorschach hatte er sich den Pass eines Tübinger Gelehrten beschafft und schwäbischen Dialekt geübt. Als er dann «im Postwagen durch das freundliche St. Galler Ländchen» fuhr, war er begeistert von der Natur. Drei Tage später kam er in Zürich an, sah «zum ersten Male in glänzender Sonnenbeleuchtung die den See begrenzenden Glarner Alpen» und beschloss, «allem auszuweichen, was mir hier eine Niederlassung verwehren könnte». So jedenfalls beschrieb er in seiner Autobiografie «Mein Leben» den Auftakt zu seiner künstlerisch und amourös gleichermassen ergiebigen Zeit in der Schweiz.
Auch nach ihm kamen viele Musikerinnen und Musiker für eine gewisse Zeit oder für immer in die Schweiz, aus den unterschiedlichsten Gründen. Brahms verbrachte mehrere Sommer in Zürich und Umgebung – und weihte 1895 als Dirigent die Tonhalle ein. Der Komponist Bohuslav Martinů liess sich als Gast des Mäzens Paul Sacher erst in Basel und später in Pratteln nieder, Igor Strawinsky fand in Clarens und Morges Inspiration und die Zusammenarbeit mit Charles Ramuz, die Dirigenten Bernard Haitink und Herbert Blomstedt zog es ebenso an den Vierwaldstättersee wie Jahrzehnte davor den russischen Exilanten Sergej Rachmaninow. Auch unter den Solist*innen der nächsten Monate sind gleich vier, die sich in Schweizer Ortschaften einen ständigen oder zeitweiligen Wohnsitz ausgewählt haben: nämlich Sol Gabetta, Janine Jansen, Hélène Grimaud und András Schiff.
Sol Gabetta – Olsberg
Die Natur und ein altes Bauernhaus hätten sie in die kleinste Gemeinde des Kantons Aargau gelockt, hat Sol Gabetta einst gegenüber der NZZ gesagt. Es war ein weiter Weg gewesen bis hierher, selbst für eine, die weite Wege schon als Kind gewohnt war: Achteinhalb Stunden fuhr sie jeweils zusammen mit ihrem Vater zur Cellostunde nach Buenos Aires. Später erhielt sie ein Stipendium in Madrid und studierte danach in Basel bei Ivan Monighetti. Von da bis nach Olsberg war es dann nur noch ein Katzensprung.
Die Schweiz habe gut gepasst zu ihr, erzählte sie Paavo Järvi bei der gemeinsamen Fahrt durch Zürich für die Videoreihe «Tram for Two», «ich brauchte eine Struktur. Und die Art, wie ich hier lebte, gab mir alles, wonach ich gesucht hatte». Ob sie denn eine Schweizer Seele habe, fragte er, und die Antwort kam blitzschnell: «Einen Schweizer Kopf!»
Auch ihren internationalen Durchbruch hat Sol Gabetta in der Schweiz geschafft; mit 23 Jahren gab sie beim Lucerne Festival als Preisträgerin des «Credit Suisse Young Artist Award» ihr Debüt mit den Wiener Philharmonikern. Bereits ein Jahr später gründete sie in Olsberg das Solsberg Festival. Denn bei all den internationalen Reisen träumte sie davon, «neben meinem Wohnhaus zu musizieren: einfach die eigenen vier Wände verlassen, hinüberlaufen, spielen und wieder heim». Seither wird das Dörflein mit der imposanten Klosterkirche jeden Sommer zu einem Pilgerort für Kammermusik-Fans.
Aber natürlich, ein Solistinnenleben nur in Olsberg wäre nicht möglich. Seit der letzten Ausgabe ihres Festivals sass Sol Gabetta unter anderem in Vail, Wien und Warschau auf der Bühne. Sie versucht allerdings immer wieder, ihren Radius zu verkürzen, mit Auftritten in Basel, Freiburg im Breisgau oder Gstaad. Und in dieser Saison auch als Fokus-Künstlerin beim Tonhalle-Orchester Zürich: Die Heimfahrt nach Olsberg dauert jedenfalls deutlich weniger lang als einst jene zu ihren Cellostunden.
Janine Jansen – Sion
Anders als Sol Gabetta kannte die Geigerin Janine Jansen die Schweiz, genauer das Wallis, bereits als Kind. Jeden Sommer fuhr ihre Familie aus den Niederlanden mit dem Wohnwagen auf den Campingplatz in Vissoie im Val d’Anniviers, wie sie in einem Interview erzählte: «Ich bin in dieser Gegend aufgewachsen und später oft dorthin zurückgekehrt, wegen der reinen Luft und der grossartigen Landschaft.» Auch in Sion war sie damals gelegentlich. Mit diesen Erinnerungen hatte es zu tun, dass sie, die zweifellos überall auf der Welt hätte unterrichten können, ihre erste Stelle als Professorin 2019 an der Hému antrat – an der Haute École de Musique, Zweigstelle Sion.
Seither lebt sie mit Mann und Hund offiziell im Wallis, in einem Dorf oberhalb von Sion. Sie fühle sich hier «nicht gerade einheimisch, aber zu Hause», sagte sie bei ihrem letzten Besuch in Zürich; «ein ruhiger Ort in der Natur ist genau das, was ich brauche». Die Stelle an der Hému hat sie zwar im vergangenen Sommer aufgegeben; seit zwei Jahren unterrichtet sie auch an der renommierten Kronberg Academy im Taunus, und zwei Professuren waren eine zu viel. Dafür hat sie die Co-Leitung des Sion Festival übernommen, das einst vom ungarischen Wahlschweizer Tibor Varga gegründet worden war: Schon seit Jahren hatte sie dort eine Carte Blanche für Konzertprogramme, nun prägt sie das Festival zusammen mit ihrem ukrainischen Kollegen Pavel Vernikov.
Bei der letzten Ausgabe im Sommer 2025 spielte sie unter anderem das Streichquartett Nr. 6 von Felix Mendelssohn Bartholdy, das dieser auf seiner letzten Schweizreise begonnen hatte.
Hélène Grimaud – Weggis
Eigentlich hatte die französische Pianistin Hélène Grimaud schon früh die USA als ihre Wahlheimat entdeckt. Aber 2005 hatte sie einen Auftritt beim Lucerne Festival, und die Dörfer rund um den Vierwaldstättersee gefielen ihr so sehr, dass sie zusammen mit dem Fotografen Mat Hennek ein Haus in Weggis und ihren ersten Steinway kaufte. Rund zehn Jahre lebte sie hier, wenn sie nicht gerade auf Tournee war: Oft sei sie kaum zwei Nächte pro Monat zu Hause gewesen, hat sie einmal gesagt.
Wie wichtig dieser Ort dennoch war, hat sie 2011 in der «Financial Times» beschrieben: Weggis sei grossartig, um aufzutanken, «man kann die Energie spüren, welche die Berge ausstrahlen». Sie erzählte vom Sonnenaufgang, von stundenlangen Spaziergängen mit ihrem Hund Chico, von Brot und Käse und rohem Gemüse: «Auf Tournee esse ich ständig in Restaurants oder vom Zimmerservice, daher ist es schön, einfach essen zu können.» Manchmal ging sie nach Luzern ins Kino, «Avatar» etwa hat sie dort gesehen. Und manchmal auch ins Konzert: Nach einem Rezital von Maurizio Pollini war sie «so inspiriert und unter Strom gesetzt, dass ich gleich das Programm meiner geplanten CD änderte».
2016 war Hélène Grimauds Schweizer Intermezzo vorüber. Die Lokale in Weggis, die sie mochte, heissen inzwischen anders («Oliv» respektive «Hyg»). Aber in ihrer Agenda stehen nach wie vor regelmässig helvetische Termine.
Sir András Schiff – Basel
András Schiff ist denkbar international unterwegs: Er ist gebürtiger Ungar, später erhielt er die deutsche und die britische Staatsbürgerschaft (sowie das Adelsprädikat «Sir») – und hat seit mehreren Jahrzehnten nicht nur in Florenz und London, sondern auch in Basel einen Wohnsitz. Bereits als junger Pianist kam er durch den Konzertagenten Pio Chesini hierher. Und je älter er werde, umso wohler fühle er sich in der Stadt, sagte er im Gespräch mit dem ehemaligen NZZ-Feuilletonchef Martin Meyer im Band «Musik kommt aus der Stille» – wobei das «auch mit Sicherheitsfragen zu tun» habe.
Spuren hinterlassen hat er (ausserhalb der grossen Konzertsäle) aber insbesondere in einer anderen Ecke der Schweiz: in der Kartause Ittingen bei Frauenfeld. Dort gründete er 1995 zusammen mit einem anderen Wahlbasler, dem Komponisten, Oboisten und Dirigenten Heinz Holliger, die Ittinger Pfingstkonzerte. «Auf den Spuren von Bach ins 21. Jahrhundert» lautete das Motto der ersten Ausgabe, das schon anzeigte, wie geschmeidig sich Schiff und Holliger in ihren Programmideen ergänzten. Altes spiegelte sich in Zeitgenössischem, Trouvaillen in ewigen Werten und umgekehrt. 2013 zog sich Schiff von der künstlerischen Leitung der Pfingstkonzerte zurück; doch bis heute wird er von der im appenzellischen Gais angesiedelten Hochuli Konzert AG vertreten, die dieses Festival seit Beginn veranstaltet.
Als Pianist ist Sir András Schiff seit seinem Rücktritt in Ittingen an vielen Orten in der Schweiz präsent geblieben. Er schätzt das Schweizer Publikum, gerade in der Tonhalle Zürich sei es «nicht nur sachkundig, sondern verhält sich auch äusserst still und diszipliniert», schrieb er im erwähnten Band. Allein in den letzten Monaten trat er in Luzern, Ascona und St. Gallen auf. Bei seinem Debüt als Dirigent des Tonhalle-Orchesters Zürich hat er Werke von zwei Komponisten auf das Programm gesetzt, die ihrerseits einen engen Bezug zu Basel hatten: Sowohl Witold Lutosławski als auch Béla Bartók wurden von Paul Sacher gefördert. Dazu wird Schiff Konzerte von Beethoven und Bach von einem Flügel aus leiten, der einst dem Dirigenten Sir Georg Solti gehörte.
Auch Solti hatte vielfache Beziehungen zur Schweiz und zum Tonhalle-Orchester Zürich. Aber das ist eine andere Geschichte – die wir auf den folgenden Seiten erzählen.
