Leila Josefowicz (Foto: Tom Zimberoff)
Porträt Leila Josefowicz

«Plötzlich war die Musik lebendig»

Vom Wunderkind zur Anwältin des Zeitgenössischen: Die Geigerin Leila Josefowicz hat eine bemerkenswerte Verwandlung geschafft.

Susanne Kübler

Falls jemand «eine mutige, forschende, denkende, tanzende und spektakulär virtuose Solistin» brauche: Dann sei die 1977 geborene Leila Josefowicz genau die Richtige, befand die «Los Angeles Times». Nun, vor ihrer Zürcher Aufführung von Thomas Adès’ Violinkonzert «Concentric Paths», ist ein guter Moment, diese Adjektive ein bisschen genauer unter die Lupe zu nehmen.

Mutig

Leila Josefowicz war drei Jahre alt, als sie von ihren Eltern – die Mutter Genetikerin, der Vater Physiker – eine Geige erhielt. Bald trat sie als Wunderkind bei Partys in Hollywood und Beverly Hills auf, mit 10 Jahren bekam sie ihren ersten grossen Management-Vertrag, mit 13 begann sie ihr Studium am renommierten Curtis Institute of Music. Sie schien damit perfekt eingespurt zu sein für eine glamouröse Karriere – bis sie mit Anfang 20 entschied, dass sie eine solche Karriere gar nicht wollte: Zu altmodisch schien ihr das alles, zu vorhersehbar. Sobald sie ihr Diplom hatte, legte sie die Werke von Beethoven & Co. zur Seite und beschloss, das Violinkonzert von John Adams aufzuführen.

Forschend

Diese Adams-Aufführungen bedeuteten für sie tatsächlich einen radikalen Bruch mit dem Bisherigen; vor allem, weil der Komponist eines ihrer Konzerte hörte und so begeistert war, dass er als Dirigent mit ihr und diesem Werk auf Tournee ging. Dieser erste Kontakt mit einem zeitgenössischen Komponisten sei eine Offenbarung gewesen, sagte Leila Josefowicz 2022 in einem Interview mit dem finnischen Musikjournalisten Jari Kallio: «Plötzlich war die Musik lebendig und atmete, und das war der Schöpfer, und ich durfte mit ihm spielen. Es war eine ganz andere Welt, in die ich eintrat.» In dieser Welt hat sie seither mit vielen weiteren Komponist*innen zusammengearbeitet, zahlreiche Werke inspiriert – und aus neuer Perspektive auch einzelne Klassiker wiederentdeckt: Beethoven und Bach tauchen gelegentlich in ihren Programmen auf, Strawinsky und Schostakowitsch ebenfalls. Aber hauptsächlich bleibt ihr Fokus auf die jüngste Gegenwart gerichtet.

Denkend

Wer sich so weit vom Mainstream entfernt wie Leila Josefowicz, kann sich nicht auf Bewährtes verlassen, sondern nur auf die eigenen Ideen, Erfahrungen, Gedanken. Während der Aufführungen braucht sie ebenfalls einen klaren Kopf, umso mehr, als sie alles auswendig spielt – auch das Adès-Konzert «Concentric Paths», das sie im Rahmen des Zürcher Neue-Musik-Festivals Sonic Matter präsentieren wird. Dieses Werk sei zwar in vielerlei Hinsicht komplex, sagt sie, «aber nicht komplexer als die Konzerte von Beethoven, Brahms oder Strawinsky». Deshalb müsse sie damit genauso vertraut sein wie mit diesen: «Es ist nicht in Ordnung, etwas nicht so gut zu kennen, nur weil es neu ist.» Das Erarbeiten eines Werks beschäftigt sie jeweils so sehr, dass sie in dieser Zeit tatsächlich kaum über etwas anderes nachdenkt. Sie müsse drinbleiben, um in eine neue Musiksprache hineinzufinden, sagt sie: «Selbst wenn ich einkaufen gehe, habe ich die Partitur dabei, weil ich vielleicht etwas nachschlagen muss.»

Tanzend

Wer je eine Aufführung mit Leila Josefowicz erlebt hat, weiss, was gemeint ist: keine grossräumige Gestik, sondern eine innerliche Haltung. Da ist nichts Verkopftes, nichts Angestrengtes in ihren Interpretationen, sie lässt den Klang fliessen und bröckeln, lodern und schweben, explodieren und versickern. So tönen selbst die kompliziertesten Werke nicht nach Arbeit, sondern nach – Musik.

Spektakulär virtuos

Klar ist sie virtuos, anders ist ihr Repertoire nicht zu bewältigen. Mindestens so spektakulär wie ihre Finger ist aber ihr Überblick, wie der Dirigent Hannu Lintu nach einer Aufführung von «Concentric Paths» erzählte: «Wir hatten bei der Vorbereitung einige Schwierigkeiten mit dem Ende des ersten Satzes, wo der Solopart mit verschiedenen Einwürfen aus dem Schlagzeugbereich verwoben ist. Und sie hat einfach alles aus dem Gedächtnis wiedergegeben und mir gezeigt, welches Instrument wo hingehört und wie ich es am besten proben sollte. Da habe ich erst richtig verstanden, wie tief ihr musikalisches Verständnis wirklich geht.» Dieses Verständnis fliege ihr keineswegs zu, sagt John Adams: «Sie ist nicht wie Simon Rattle, der sich etwas ansieht und es sofort beherrscht. Sie muss arbeiten und arbeiten und arbeiten und arbeiten, Note für Note. Aber genau das ist die Art von Hingabe, die sie hat.» An diesem Punkt ist nun noch ein weiteres Adjektiv zu erwähnen, das oft im Zusammenhang mit Leila Josefowicz genannt wird: furchtlos. Natürlich habe sie Ängste, sagt sie dazu im erwähnten Interview, «Auftritte sind schwierig». Entscheidend sei, dass man sich diesen Ängsten stelle: «Genau das ermöglicht grossartige Musik – wenn man bereit ist, zu kämpfen!»

Februar 2026
Fr 20. Feb
19.30 Uhr

Sonic Matter: Pierre-André Valade & Leila Josefowicz

Tonhalle-Orchester Zürich, Pierre-André Valade Leitung, Leila Josefowicz Violine Kendall, Adès, Chin
veröffentlicht: 02.02.2026

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