Vanessa Szigeti (Foto: Alberto Venzago)
Musiker*innen über die Schweiz

Vom Tram bis zum Grittibänz

Im Tonhalle-Orchester Zürich spielen Musiker*innen aus 23 Nationen. Wie erleben sie die Schweiz?

Aufgezeichnet von Susanne Kübler

Sie kommen aus China oder Armenien, aus Frankreich oder Brasilien. Einige haben bereits ihr Studium in der Schweiz absolviert, andere kamen erst für ihre Orchesterstelle hierher. Was fiel ihnen damals auf? Und was vermissen sie aus ihrer Heimat? Wir haben mit acht Musiker*innen des Tonhalle-Orchesters Zürich über ihre Schweizer Erfahrungen gesprochen.

Geng Liang, Fagott / Kontrafagott, China

«Als ich vor acht Jahren in die Schweiz kam, war das ein ziemlicher Kulturschock. Ich kannte Europa von Reisen, hatte aber noch nie hier gelebt, und es schien mir alles neu – wie die Leute denken, der Sinn für Ordnung, der Rhythmus des Alltags. Doch ich habe das sehr schnell schätzen gelernt. Mein Ziel ist es, irgendwann Schweizerdeutsch sprechen zu können. Und bei allen Unterschieden fallen mir immer wieder Ähnlichkeiten zwischen der Schweiz und China auf: In beiden Kulturen sucht man den Ausgleich, den Mittelweg. Ich komme ursprünglich aus Xining, der Hauptstadt der Provinz Qinghai, die an der Grenze zu Tibet liegt. Mit zwölf Jahren verliess ich mein Zuhause, um in Shanghai Musik zu studieren; den Bachelor habe ich in Singapur abgeschlossen, den Master dann in Zürich. Ich vermisse meine Eltern sehr, und auch für sie ist es nicht einfach, dass ich so weit weg bin – in meiner Generation sind wir ja fast alle Einzelkinder. Aber sie sind stolz darauf, dass ich mein Leben an einem so schönen Ort aufbauen kann.»

Ewa Grzywna-Groblewska, Viola, Polen

«Ich habe mich in der Schweiz schnell eingewöhnt, das Ordentliche passt zu mir. Über manche Dinge staune ich aber auch nach 16 Jahren noch: etwa über die Tatsache, dass es so viele verschiedene Dialekte gibt. Oder dass jeder Kanton ein eigenes Schulsystem hat – das ist in Polen viel einheitlicher. Dort ist allerdings auch klar, dass man ein Studium machen muss, um gute Berufschancen zu haben. Hier gibt es viele Ausbildungswege, das finde ich gut. Das Einzige, was mich nervt, sind die engen Strassen. In Polen hat es überall separate Fahrradspuren, das ist viel sicherer.»

Bill Thomas, Bassposaune, USA

«Ich komme aus dem Westen von Texas, dort ist es ganz flach, fast wüstenartig. Das totale Gegenteil von hier! Auch das Orchesterleben ist anders: Im Atlanta Symphony Orchestra, wo ich vorher spielte, hatte man nur Kontakt zur eigenen Instrumentengruppe. Hier redet man mit allen, das ist schön. Ansonsten verblüfften mich in der Schweiz die unendlich vielen Sorten Käse und all die Brotformen bis hin zum Grittibänz. Trotzdem fehlt mir das Essen, mit dem ich aufgewachsen bin, das Barbeque, die Tex-Mex-Küche. Und auch nach 16 Jahren finde ich es noch unpraktisch, dass die Läden nicht immer offen haben …»

Vanessa Szigeti, Stv. Stimmführung 2. Violine, Frankreich

«Als ich von Paris nach Zürich kam, fielen mir vor allem zwei Dinge auf: Einmal der öffentliche Verkehr, der so pünktlich, sauber und sicher ist – crazy! Ich fahre immer im Tram zur Tonhalle, das mag ich sehr viel lieber als die überfüllte Metro in meiner Heimatstadt. Die zweite Überraschung war die Tatsache, dass man in der Schweiz in jedem See und jedem Fluss baden kann. Gut, inzwischen schwimmen die Leute auch in der Seine. Aber das Wasser hier ist doch noch einmal ganz anders.»

Syuzanna Verdanyan, 1. Violine, Armenien

«Ich bin hier die einzige Musikerin aus Armenien, deshalb kann ich mit niemandem in meiner Muttersprache reden. Aber ich spreche sehr gut Russisch, und meine beste Freundin im Orchester ist Russin; wir sind fast wie Schwestern. Ich kam vor elf Jahren in die Schweiz, und ich mag eigentlich alles hier: die Landschaft, die Leute und natürlich das Orchester. Nur etwas verstehe ich nicht: Warum nur haben am Sonntag fast alle Restaurants und Cafés geschlossen? Das ist doch der Tag, an dem man Zeit hätte, mit der Familie irgendwo hinzugehen!»

Ulrike Schumann-Gloster, 2. Violine, Deutschland / Schweiz

«In den über 20 Jahren hier ist mir immer wieder aufgefallen, wie tief die Kunst oder auch hochstehendes Kunstgewerbe im Alltag verankert sind. Ich denke etwa an die Freitag- Taschen oder die Uhrmacherei, aber auch an Architektur, Mode und Design. Dazu kommt ein sehr bewusster, nachhaltiger Umgang mit Ressourcen – das erinnert mich an Japan, wo ebenfalls auf wenig Raum Vielfalt und enorm schöne Dinge entstehen. Oder an meine Kindheit in der DDR: Man fertigte dort vieles selbst an und nutzte die beschränkten Möglichkeiten kreativ und erfinderisch. Eigentlich ist das ein künstlerisch sehr wertvolles Gestaltungsprinzip … Beschränkung als Konzept!»

Filipe Johnson, 1. Violine, Brasilien

«Wenn ich in Brasilien mit meiner Geige durch die Strassen ging oder mein Handy aus der Tasche zog, war das immer ein Risiko. In Zürich fühle ich mich sicher – das ist das Wichtigste für mich. Ich bin einst fürs Studium in die Schweiz gekommen, danach war ich mit einem Trio unterwegs. Für die Aufenthaltsgenehmigung brauchte ich aber eine feste Stelle und meldete mich deshalb für Orchester-Probespiele an. Ich werde nie vergessen, wie ich vom Bellevue her kam, auf den See schaute und dachte: Hier will ich leben. Ich bin sicher: Gott hat mich hierhergeführt.»

Gabriele Ardizzone, Violoncello, Italien / Schweiz

«Ich bin fürs Studium von Mailand nach Basel gezogen, mittlerweile habe ich mehr als mein halbes Leben in der Schweiz verbracht. Am Anfang kamen mir die Schweizer Städte klein vor, aber inzwischen schätze ich die kurzen Wege; mit dem Velo ist man sehr schnell überall. Auch sonst gefällt mir vieles, ich habe mich sehr an das Leben hier gewöhnt. Nur manchmal vermisse ich die italienische Atmosphäre, das stabile Wetter, eine gewisse Spontaneität. Selbst mit meinen italienischen Freunden verabrede ich mich hier zwei Wochen im Voraus … Ich bin übrigens längst eingebürgert: Heimatort Zürich.»

Fotos: Alberto Venzago

veröffentlicht: 02.02.2026