Schwanenfeder (Foto: tgz)
Carmina Burana

Mein lieber Schwan!

Wie singt ein Schwan in der Pfanne? In Carl Orffs «Carmina Burana» hört man es.

Der Schwan ist ein edles Tier, nicht nur optisch. Göttervater Zeus persönlich hat sich einst in einen Schwan verwandelt, um sich der Königstochter Leda zu nähern. Von Rilke wurde er bedichtet, Tschaikowsky hat ihn in seinem Ballett-Hit «Schwanensee» gewürdigt. Kurz: Der Schwan wurde kulturgeschichtlich während Jahrhunderten gut behandelt – bis ihn Carl Orff 1935/36 in seinen «Carmina Burana» in die Pfanne legte.

Dort brutzelt er nun über dem Feuer, die «einstige Zierde des Sees»: So wird er genannt in dem mittelalterlichen lateinischen Gedicht «Olim lacus colueram», das Orff als Vorlage nutzte. Längst ist er nicht mehr strahlend weiss, sondern «rundum schwarz» und fast schon bereit für das grosse Gelage, das im Mittelteil dieses überaus feuchtfröhlichen Werks veranstaltet wird.

Aber, und das ist nun tatsächlich höhere Ironie: Der Schwan schafft es trotzdem noch, sein trauriges Schicksal selber zu besingen. Damit nimmt er den aus der griechischen Antike stammenden Mythos des Schwanengesangs für einmal wörtlich – und treibt ihm gleichzeitig gezielt und rabiat jede Poesie aus.

So besingt der Schwan sein Elend. (Quelle: Docplayer)

Von Saint-Saëns bis Gölä

Das will etwas heissen; denn poetisch ist er tatsächlich, dieser Mythos. Er erzählt davon, dass die Schwäne jeweils kurz vor ihrem Tod einen besonders schönen Gesang anstimmen – so ist es etwa bei Sokrates oder Aischylos überliefert. Letzte Werke von Dichter*innen (oder auch letzte Reden von Politiker*innen) werden deshalb gern als Schwanengesang bezeichnet.

Und natürlich hat diese Verbindung von musikalischer Schönheit und Tod Komponist*innen schon lange vor Orff gereizt: Die Cellomelodie des Schwans in Camille Saint-Saëns «Carnaval des animaux» ist nur die innigste von vielen Versionen. Auch Orazio Vecchi, Orlando Gibbons, Fanny Hensel, Jean Sibelius oder Edvard Grieg haben Schwanenwerke komponiert; später dann auch der Thuner Büezerrocker Gölä, der sich in seinem «Schwan» allerdings eher am Märchen vom hässlichen Entlein orientierte.

Und dann war da Richard Wagner, der den Titelhelden des «Lohengrin» in ein Boot setzte, das von einem Schwan gezogen wird: «Nun sei bedankt, mein lieber Schwan» singt er bei der Landung. Der zweite Teil der Zeile hat sich später als einigermassen kuriose Redewendung verselbständigt: «Mein lieber Schwan!» signalisiert in der Alltagssprache nicht Dankbarkeit gegenüber einem Wasservogel, sondern Überraschung, Verblüffung, Konsternation.

Klagende Ironie

Wer weiss, vielleicht hat sich auch schon der eine oder andere Sänger von Orffs Schwanenlied zu diesem Ausruf hinreissen lassen. Denn passend zum Inhalt des Gedichts ist auch die Musik dazu deftig – in ihrem Ausdruck wie in den Ansprüchen. Orff hat sie für einen hohen Tenor geschrieben und treibt selbst diesen so sehr an die Grenzen, dass heute oft Countertenöre eingesetzt werden (bei uns ist es Max Emanuel Cencic). Singen sollen sie «lamentoso (sempre ironico)», also klagend und ironisch, exakt auf der Grenze zwischen Tragödie und Komödie. Die Verzweiflung des Schwans wird damit gleichzeitig zelebriert und ins Lächerliche gezogen; das edle Tier am Spiess ist auch eine zwiespältige Metapher der Vergänglichkeit.

Übrigens: Der Alkohol, der in Orffs Werk im Anschluss an dieses Lied reichlich fliesst, wäre bei einem realen Gelage zweifellos nötig, um den Geschmack des gebratenen Schwans zu neutralisieren. Es ist wohl kein Zufall, dass sich Schwanenfleisch auf heutigen Speisekarten nicht mehr findet; es sei zäh und schmecke tranig, heisst es, zudem besteht die Gefahr einer Ansteckung mit Salmonellen.

Der musikalische Genuss dagegen: Der ist absolut unbedenklich.

Susanne Kübler

Max Emanuel Cencic singt das Schwanenlied aus Orffs «Carmina Burana» – demnächst auch in der Tonhalle Zürich. Video: Youtube
Juni 2022
Mi 22. Jun
19.30 Uhr

Freundeskreis-Konzert «Carmina Burana»

Tonhalle-Orchester Zürich, Paavo Järvi Music Director, Alina Wunderlin Sopran, Max Emanuel Cencic Countertenor, Russell Braun Bariton, Zürcher Sing-Akademie, Florian Helgath Einstudierung, Zürcher Sängerknaben, Konrad von Aarburg Einstudierung, Alphons von Aarburg Einstudierung Orff
Do 23. Jun
19.30 Uhr

«Carmina Burana»

Tonhalle-Orchester Zürich, Paavo Järvi Music Director, Cressida Sharp Sopran, Max Emanuel Cencic Countertenor, Russell Braun Bariton, Zürcher Sing-Akademie, Florian Helgath Einstudierung, Zürcher Sängerknaben, Konrad von Aarburg Einstudierung, Alphons von Aarburg Einstudierung Orff
Sa 25. Jun
18.30 Uhr

«Carmina Burana»

Tonhalle-Orchester Zürich, Paavo Järvi Music Director, Alina Wunderlin Sopran, Max Emanuel Cencic Countertenor, Russell Braun Bariton, Zürcher Sing-Akademie, Florian Helgath Einstudierung, Zürcher Sängerknaben, Konrad von Aarburg Einstudierung, Alphons von Aarburg Einstudierung Orff
veröffentlicht: 13.06.2022

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