Wie im Tanz dem Ziel entgegen

Woche für Woche erleben Sie unsere Musikerinnen und Musiker im Konzert, haben mit ihnen nach dem Konzert oder an einem Tag der offenen Tür ein paar Worte gewechselt – small talk eben. Doch wer sind die Menschen hinter dem Orchestermitglied? Was bewegt sie, weshalb sind sie ausgerechnet Musikerin geworden und nicht Arzt oder Lehrerin? Wie lebt es sich in der Gemeinschaft Orchester?

David Bruchez-Lalli ist nicht nur Solo-Posaunist im Tonhalle-Orchester Zürich. Er dirigiert auch die Familienkonzerte seiner Kolleginnen und Kollegen. Zufrieden ist er mit dieser Arbeit, wenn sie sich anfühlt wie ein Tanz, bei dem nichts forciert werden muss, um die Richtung zu weisen, wie er Melanie Kollbrunner erzählt hat. Zum nächsten Mal leitet er das Orchester anlässlich der Familienkonzerte vom 19. und 20. September mit Sergej Prokofjews Peter und der Wolf.

David Bruchez-Lalli ist Soloposaunist im Tonhalle-Orchester Zürich. Nebenher lehrt er an der Zürcher Hochschule der Künste, ist kammermusikalisch unterwegs, dirigiert das Jugend Sinfonieorchester Zürich und seit einigen Jahren auch die Familienkonzerte seines eigenen Orchesters. Zum Taktstock greife er, weil er als Kind von einem Tisch gefallen sei, wie er berichtet. Ansonsten aber hat er unterwegs nichts dem Zufall überlassen.

Sommer, irgendwann in den frühen 80er-Jahren, irgendwo mitten im Wallis. Alle Kinder üben fleissig, auch das Jüngste: David Bruchez, heute 44 und dienstältester Posaunist im Tonhalle-Orchester Zürich. Das Abschiedskonzert dieses Musiklagers, sein allererstes Konzert überhaupt, nimmt eine unerwartete Wendung. Am Vorabend wird ein Film gezeigt – zur allgemeinen Entspannung wohl – der kleine David aber hockt auf einem Tisch und fällt vor Aufregung hinunter, gierig wie ein kleiner Löwe auf den grossen Moment. Zack, Arm gebrochen. Sein Lehrer springt musikalisch für ihn ein, David darf im Gegenzug den Taktstock halten. «So kam das mit dem Dirigieren», sagt er bei einem Cappuccino vor der Tonhalle Maag und lacht über die Anekdote, von denen es so viele gäbe, aber ein Student wartet.

Krawatte und Zahnlücke

David schaut selten auf die Uhr, er lässt sich nicht anmerken, wie durchgetaktet seine Tage wohl sind. Üben, proben, dirigieren, unterrichten. Zielstrebig aber war er immer: Er hat mit fünfzehn einen begehrten Platz bei einem ebenso begehrten Lehrer vorbeiziehen lassen, weil dieser in Bern war und für David nicht am Weg. Er nahm sich die Angebote, wie sie ihm gefielen. Und in der Schule trug er Krawatte, als einziger. «Als ich viereinhalb Jahre alt war und mein Papa starb, sagte meine Urgrossmutter, dass ich jetzt der Mann in der Familie sei.» Neben dieser Rolle, die zu übernehmen Davids Beschluss war, hinterliess der Vater eine Trompete und eine Posaune. Die Trompete wäre dem Sohn lieber gewesen und ist es noch heute, wegen der Brillanz, der Sopranstimme, der Präsenz. Aber der sechsjährige Bub hatte eine für die Trompete hinderliche Zahnlücke und einen Lehrer, der ihm empfahl, irgendwann später das Instrument zu wechseln. David, pragmatisch, legte die Idee beiseite, das Leben kam dazwischen mit seinen Verlockungen, hinzu eine wachsende Liebe für die Zwischentöne der Posaune. Vor allem aber ein Job und viel Ehrgeiz, dazu für zwanzig Proben und nochmals so viele Aufführungen 250 Franken: «Phuu», erinnert er sich, «so viel Geld. Ich wollte unbedingt erwachsen sein. Erwachsene verdienen und tragen Krawatten.» David war gierig auf die Selbständigkeit. «Ich wollte mich ins Leben stürzen, nicht Diplome abarbeiten, Musik machen.» Er war erfolgreich, noch bevor er erwachsen war.

Zwar wäre er viel lieber in Fully bei Martigny geblieben, als die Mutter entschied, mit ihm und seiner vier Jahre jüngere Schwester nach Lausanne zu ziehen. David war elf, seine Welt die Obstplantagen und Weinberge der Familie. Aprikosen und Äpfel, die Blasmusik. Fünf Generationen gleichzeitig bewohnten sie, diese Welt.

Verliebt und fleissig

Lausanne hat David musikalisch geformt. Ältere Bekannte aus dem Konservatorium, die ihm erzählten, wie man geschickt zu Gigs kam. Zum Beispiel an der Oper. «Die wichtigste Lektion habe ich dort gelernt, als Posaunist auf der Bühne, der in der Traviata einen Einsatz zu Beginn und einen am Ende hatte. Das Hinhören.» Es kam vielleicht vom Verliebtsein in Violetta, heiss und heimlich. So sehr, dass er es romantisch fand, in der Bibliothek Alexandre Dumas' Kameliendame zu stehlen und seiner Mutter zu erklären, dass er anstelle des Gymnasiums jetzt seinen Weg als Musiker antreten würde. Sie war nicht einverstanden, aber es blieb ihr nicht mehr, als ihn frühmorgens aus dem Bett zu jagen, damit er wenigstens fleissig übe. Eigentlich musizierte David lieber auf der Bühne, richtig halt. Aber der Wille seiner Mutter trieb ihn morgens gegen sieben zusammen mit dem Putzpersonal ins Konservatorium, wo er vor allen anderen ankam, um seine Etüden auszupacken. Und doch, irgendwann unterwegs, knapp fünfzehnjährig und während sein Lehrer wollte, dass er das Studium im Schnelldurchlauf absolviert, hat David einen Beschluss gefasst, der seine Mutter mehr als jede Auszeichnung überzeugte: Er entschied sich an einem Sonntagnachmittag zu üben und dabei zu bleiben.

Freier Geist und Tischkultur

Seine Entscheidung verhalf ihm zu manch einer Finalrunde und manchem Sieg bei Wettbewerben. Nach seinem Solistendiplom in Lausanne reiste er nach Berlin, wo er an der Herbert von Karajan-Akademie mit den Berliner Philharmonikern spielte. Er war der erste Blechbläser, der das Final des «Eurovision Young Musicians» 1994 in Warschau erreichte.

David war zwanzig, als er bei der Oper Zürich engagiert wurde und 29, als er eine Professur an der Hochschule für Musik in Detmold bei Bielefeld erhielt. Das war zu der Zeit, als beim Tonhalle-Orchester Zürich ein Posaunist fehlte. David half aus, pendelte zwischen den Welten: Der Stelle in Norddeutschland und seinem Orchester unter David Zinman, der ihn förderte, ihm den Weg in die American Academy of Conducting in Aspen freilegte. Seiner Familie, seiner Frau, eine Sängerin, die er an der Oper kennengelernt hatte und den beiden gemeinsamen Kindern, beide kurz vor der Matura, beide musikalisch vielseitig unterwegs. «Sie wollten nicht mit mir in ein fremdes Kaff ziehen, sie wussten zu gut, dass ich nach dem Unterrichten musikalisch weiterziehen würde, sie daheim gewesen wären ohne mich. Das haben sie gut gemacht.» Und dann war da eine vakante Posaunistenstelle beim Tonhalle-Orchester Zürich, nicht aushilfshalber. David reüssierte und blieb: Seit 2006 als festangestellter Solo-Posaunist.

Er wäre mit seiner Familie auch im Karthago in Wiedikon geblieben, eine grosse Wohngemeinschaft bestehend aus mehreren Generationen und viel Freude am Essen, die David so wichtig ist. Diese Art von geselligem Miteinander entspricht ihm sehr. Zwar zog er mit seiner Frau und den Kindern zwischenzeitlich um, geblieben aber sind aus der Zeit in der Genossenschaft die Freundschaft zur ehemaligen Mitbewohnerin, eine grossartige Köchin, dienstags isst David mit seiner Familie noch immer bei ihr in der Gemeinschaftskantine. Und sein Atelier mit dem Klavier, den Instrumenten und Partituren hat er bis heute behalten wie seinen freien Geist.

Fokus und Intensität

David gibt weiter, was ihn vorwärtsgebracht hat. An der Hochschule und im Jugend Sinfonieorchester Zürich, das er seit 2015 leitet: «Eine Aufgabe, die sinnstiftender nicht sein könnte», sagt er. Von A wie Aufregung bis Z wie Zauber durchlebt er zwei Projekte jährlich mit dem Orchester, das als Junior Music Partner des Tonhalle-Orchesters Zürich auch regelmässig in der Tonhalle Maag auftritt, wie zum nächsten Mal am 2. und am 3. November.

David kommt zur ersten Probe und versucht ab diesem Moment, nur das Ziel im Blick zu haben. «Wie ein Tänzer, der nichts forcieren muss, um die Richtung zu weisen.» Anspannen, loslassen. «Wenn alle mitkommen, dann ist das, was Musik kann. Intensiv und körperlich.» Er schaut sich seit Jahren ab, was ihm nützlich scheint. Bei seinem neuen Chef den Fixpunkt, diese technische Präzision, die alles absteckt, mit der Paavo Järvi Raum für Musik öffne. Die Agilität im Ober- und die Erdung im Unterkörper.

Seit einigen Jahren dirigiert David auch die Familienkonzerte des Tonhalle-Orchesters Zürich, zum nächsten Mal Sergej Prokofjews Peter und der Wolf. Der Zauber sei der Selbe wie mit den Jungen, bloss bleibt ihm da mehr Zeit für die Probenarbeit. Die Arbeit mit seinen Kolleginnen und Kollegen sei ja an sich auch ein Selbstläufer: «Man darf sie beim Dirigieren einfach nicht stören», David lacht. Aber inspirieren wolle er sie. Und dann schaut er doch auf die Uhr: Der Student wartet. Sein Glück sei, dass er weitergeben könne, was ihm wichtig sei. Hinhören. Fokus finden. Die Intensität der Musik mitnehmen fürs ganze Leben.

Melanie Kollbrunner

published: 06.09.2020