Johannes Gürth wird pensioniert
Nach 35 Jahren verabschiedet sich der Bratschist aus dem Orchester.
Der Wiener Bratschist Johannes Gürth kam 1990 nach Zürich. Damals war noch Hiroshi Wakasugi Chefdirigent; später hat er 19 Jahre unter der Leitung von David Zinman miterlebt, das Exil in der Tonhalle Maag, den Rückzug an den See; insgesamt hat er in Zürich und auf Tournee Hunderte von Konzerten gespielt – inklusive einem Kinderkonzert in Gummistiefeln. Seine eigenen Kinder sind erwachsen geworden in der Zeit, und wie er mit seinen Enkelinnen und Enkeln musiziert und Dinge erforscht, hat er einst in diesem Beitrag erzählt. Nun spielt er sein letztes Konzert und hat zwischen den Proben drei Fragen beantwortet.
Johannes, wenn du zurückschaust: Was wirst du vermissen?
Am meisten werden mir die wunderbaren Musikerinnen und Musiker fehlen, die mir auch persönlich sehr nahe stehen! Auch den Saal werde ich vermissen, oder eigentlich beide Säle, den grossen und den kleinen – beide sind besonders. Phasenweise konnten wir hier die Meisterwerke mit den besten Dirigenten und Solisten aufführen; es war grossartig, dass ich da Teil davon sein konnte. In diesen 35 Jahren gab es immer wieder Konstellationen, die wirklich glücklich machten und Sinn hatten beziehungsweise immer noch haben. In Momenten der Resonanz im Orchester und mit dem Publikum fliesst eine enorme Energie – das bleibt unvergesslich.
Gab es auch Schattenseiten?
Natürlich hätte man sich immer nur Sternstunden gewünscht, jede Woche. Aber manchmal hat man bei eher harzigen Probenverläufen auch gemerkt, dass es in der Realität des Kollektivs wenig Möglichkeit gibt, das grosse Ganze zu beeinflussen – gerade in meiner Position als Tuttist der Bratschen. Das würde ich nicht gerade als Schattenseite bezeichnen, weil es systemimmanent ist. Wir sind nun mal alle sozusagen Luxusrennpferde, und wenn jedes in eine andere Richtung zieht, funktioniert es nicht. Aber ich fand es nicht immer leicht, die Abhängigkeiten untereinander als unveränderlich hinzunehmen.
Was kommt nun?
Ich werde die eigene Vitalität als musikalischer Gestalter wiederbeleben, in der Klassik und mehr noch in anderen Musikstilen. Ich habe bereits meine Geige wieder ausgepackt, auch das Saxophon. Ob daraus später wieder Musikprojekte entstehen, wird sich zeigen. Ideen dazu hatte ich immer schon viele – und der Antrieb lebt wie immer.
