«Es ist eine absolute Win-Win-Konstellation»
Etliche Orchestermitglieder unterrichten an der ZHdK. Vier von ihnen erzählen von ihren Erfahrungen.
Benjamin Forster, Solo-Pauke / Schlagzeug
«Wenn ich sagen müsste, was das Wichtigste ist beim Unterrichten, würde ich zwei Dinge nennen: Erstens stehen immer die Studierenden im Zentrum. Und zweitens geht es um Teamarbeit, auf allen Ebenen. Es ist entscheidend, dass der Zusammenhalt in der Klasse gut ist, dass sich die Studierenden nicht als Konkurrenz verstehen, sondern gegenseitig unterstützen. Das ist beim Schlagzeug gar nicht anders möglich: Unser Instrumentarium ist gross, der Transport und der Aufbau sind aufwendig. Wenn jemand einen Auftritt hat, übernehmen das andere aus der Klasse. Wir schauen deshalb bei der Aufnahmeprüfung nicht nur darauf, wie begabt jemand ist. Sondern versuchen im Gespräch auch, herauszufinden, wie er oder sie menschlich tickt.
Wenn ich ‹wir› sage, meine ich unser Professoren-Team: Mein Orchesterkollege Klaus Schwärzler, Raphael Christen und ich betreuen die Schlagzeug-Klasse an der ZHdK seit 2018 gemeinsam. Jeder ist für einen bestimmten Bereich verantwortlich, ich zum Beispiel für die Pauke. Wir arbeiten eng zusammen, jeder weiss, was der andere macht und denkt. Dass wir nicht immer alles gleich sehen, ist ein Vorteil; die verschiedenen Perspektiven helfen den Studierenden, ihre eigene Haltung zu finden.
Unser Engagement für sie geht weit über das Musikalische hinaus. Wenn jemand mit Blockaden zu kämpfen hat oder sonst in eine Krise gerät, sind wir auch psychologisch gefragt. Und wenn jemand im Spital liegt, besuchen wir den. Manchmal habe ich das Gefühl, für einige sind wir fast ein bisschen Eltern-Ersatz.
Derzeit haben wir 22 Studierende in der Klasse, sie alle haben sich bei der Aufnahmeprüfung gegen Dutzende andere durchgesetzt. Wenn sie einmal im Orchester spielen wollen, wird es erneut eng: Oft gibt es bis zu 200 Bewerbungen auf eine Position. Das Niveau ist wirklich hoch. Es läuft aber gut für uns: Etliche unserer Leute haben Orchesterstellen erhalten oder Wettbewerbe gewonnen, einzelne unterrichten inzwischen selbst an Hochschulen.
Es ist ein besonderes Netzwerk, das so entsteht. Ich erinnere mich an einen Sonntag, da habe ich jene aus der Klasse, die im Toni-Areal waren, zu mir nach Hause eingeladen. Am Ende sassen zehn Leute aus zehn Ländern um den Tisch, alle verbunden durch die Musik und vieles mehr – das ist enorm bereichernd.»
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Sabine Poyé, Morel Solo-Flöte
«Beim Unterrichten fasziniert mich am meisten, wie verschieden die Studierenden sind. Es ist mir deshalb sehr wichtig, dass sie ihre eigene musikalische Persönlichkeit entwickeln können. Natürlich habe ich gewisse allgemeine Rezepte, wenn es um technische Fragen geht oder um die Klanggestaltung. Aber ich will nicht, dass sie so spielen wie ich; sie sollen ihre individuelle Art finden.
Ich habe 2005 an der Zürcher Hochschule der Künste angefangen, damals als Nebenfachdozentin für Blattspiel und Orchesterstellen. Seit fünf Jahren betreue ich nun als Professorin eine Hauptfachklasse. Manchmal denke ich vor einem Unterrichtstag: Wow, das wird anstrengend. Doch am Ende habe ich immer enorm viel Energie, die Arbeit motiviert mich sehr. Übrigens auch in unseren Konzerten: Wenn Studierende im Publikum sitzen, ist das eine besondere Anspannung.
Anders als im Orchester, wo man stets Teil einer grossen Gruppe ist, bin ich an der ZHdK selbständiger unterwegs. Ich kann die Dinge so organisieren, wie ich es richtig finde, das schätze ich sehr. Es gibt aber auch dort Zusammenarbeiten, ich organisiere etwa demnächst mit Martin Frutiger ein Vorspiel-Training für unsere Klassen. Ich will es möglichst gut machen, nicht nur in der Ausbildung. Derzeit habe ich Studentinnen aus China und Australien, sie sind so weit weg von zu Hause – da spüre ich auch eine menschliche Verantwortung.
Die meisten Studierenden wünschen sich eine Zukunft in einem Orchester, doch ich sage ihnen immer, dass das nicht ihr einziges Ziel sein kann. Flöten-Stellen sind rar und die Konkurrenz ist riesig. Darum braucht es einen Plan B; manche werden unterrichten, andere wechseln ins Musikmanagement oder schlagen einen ganz anderen Weg ein. Es gibt aber etliche ehemalige Studierende, die nun in Orchestern in Spanien, Deutschland oder Island spielen – und auch bei uns: Meine Kollegin Alexandra Barreira Gouveia hat den Master Solist*in bei mir gemacht.»
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Martin Frutiger, Solo-Englischhorn / 2. Oboe
«Seit ich unterrichte, führe ich eine Liste mit allen meinen Studierenden. Mittlerweile stehen über 148 Namen aus 30 Ländern darauf! Aktuell habe ich Oboistinnen und Oboisten aus Armenien, Weissrussland, Australien, Japan, Italien, Portugal, Österreich und der Schweiz in meiner Klasse. Das ist auch jenseits des Musikalischen enorm spannend.
Angefangen habe ich einst als Nebenfach-Lehrer für Englischhorn an der Zürcher Hochschule der Künste. Aber irgendwann hat es mich gereizt, mehr Verantwortung zu übernehmen. Neun Jahre lang betreute ich dann eine Hauptfach-Oboen-Klasse in Luzern, seit knapp drei Jahren habe ich nun eine Oboen-Professur an der ZHdK. Natürlich kommen oft Leute zu mir, die sich auch für Englischhorn interessieren. Doch niemand kann sich ausschliesslich darauf konzentrieren; für jede Englischhorn-Stelle in einem Orchester muss man zunächst sehr gut Oboe spielen.
Im Unterricht geht es nie nur um die musikalische Entwicklung, sondern immer auch um die persönliche. Alle diese Studierenden waren einmal die Besten in ihrer Musikschule, und auf Hochschul-Niveau heisst es nun plötzlich: Hier hast du ein Problem und das ist ebenfalls nicht gut. Es kann sein, dass sie irgendwo ein Konzert geben und vom Publikum hören, wie berührend es gewesen sei – und am Tag danach werden sie bei einem Vorspiel im Studium für dasselbe Programm kritisiert. Das ist nicht einfach, das wissen wir alle aus eigener Erfahrung. Als Lehrer ist man da sowohl musikalisch als auch menschlich gefragt.
Einige meiner ehemaligen Studierenden haben einen tollen Musiker-Job bekommen, andere machen heute etwas ganz anderes. Es ist nicht leicht, diesen Weg zu gehen. Auch deshalb schätze ich meine Stelle im Orchester sehr: Hier kann ich auf hohem Niveau musizieren und muss weder meine Auftritte organisieren noch mich selbst vermarkten. Ich empfinde das als grosses Privileg.»
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Christian Proske, Stv. Solo-Violoncello
«Aus meiner Sicht ist die Kombination von Orchesterspiel und Unterrichten eine absolute Win-Win-Konstellation. Ich kann den Studierenden viel von meinen Orchester-Erfahrungen mitgeben. Umgekehrt hält mich die Arbeit mit ihnen wach und fit: Ihre Ideen und Fragen bringen mich dazu, Dinge auszuprobieren oder zu recherchieren – das kommt auch dem Orchester zugute. Kollisionen zwischen den Jobs gibt es keine; es ist klar, dass das Orchester immer Vorrang hat.
Ich unterrichte seit 2006 an der Zürcher Hochschule der Künste. Angefangen habe ich als Assistent unseres ehemaligen Solo-Cellisten Thomas Grossenbacher, mit dem ich nach wie vor eng zusammenarbeite, wir sind ein gutes Tandem. Heute ist meine Tätigkeit sehr breit gefächert: Ich betreue die Nebenfächer Blattspiel und Orchesterstellen, ausserdem bin ich bei den Studienrichtungen Schulmusik sowie Musik und Bewegung im Hauptfachbereich tätig. Und schliesslich habe ich ein Pensum im PreCollege, also bei den ganz Jungen, die sich auf ein Studium vorbereiten.
Ihre Aufnahmeprüfung zum Bachelor-Studium ist sozusagen meine Abschlussprüfung, da spüre ich eine ziemliche Verantwortung. Dasselbe gilt, wenn ich mit Master-Studierenden im Hinblick auf ein Probespiel Orchesterstellen erarbeite: Das sind sehr entscheidende Phasen auf dem Weg ins Berufsleben. Auch in diesem Zusammenhang schätze ich meine vielfältigen Aufgaben: Wenn ich in einer grossen Hauptfachklasse dafür zuständig wäre, dass alle gut unterkommen, würde mich diese Verantwortung wohl sehr belasten.
Vor Kurzem bin ich 60 geworden, und der Austausch mit den Studierenden ist ein Riesengewinn für mich. Sie haben einen anderen Background und andere Vorbilder, dank ihnen komme ich regelmässig aus der Orchester-Bubble heraus. Gleichzeitig merke ich, dass es mir immer besser gelingt, auf ihre individuellen Bedürfnisse einzugehen: Zu überlegen, welche Blattspiel-Stelle den richtigen Schwierigkeitsgrad hat oder was stilistisch weiterführen könnte – das macht mir enorm Spass.»




