Volksmusik im Wandel
Florian Walser, Es-Klarinettist im Orchester, über seine späte Liebe zur Volksmusik.
Wäre er nicht Vater geworden, hätte Florian Walser die Volksmusik vielleicht nie entdeckt. Der Klarinettist, der sich selbst nicht als typischen Schweizer Volksmusiker sieht, gründete vor 19 Jahren ein Festival, das alle zwei Jahre stattfindet und einzigartig ist – die «Stubete am See».
Sein Weg zur Volksmusik begann bei einem Elternanlass, bei dem er mit anderen Vätern ins Gespräch kam. Irgendwann ging es um Musik – und plötzlich auch um Folklore. Die Männer musizierten daraufhin gemeinsam, ohne professionellen Anspruch, aber mit wachsender Begeisterung. Erste Auftritte folgten, und bald wurde aus der spontanen Freude ein ernsthaftes Interesse, tiefer in die Materie einzutauchen.
Ländler aus dem Niederdorf
Einen wichtigen Impuls erhielt Walser durch Fabian Müller, der ihn ins Bearbeiter- Team der legendären Hanny-Christen- Sammlung holte. Christen hatte rund 12’000 Melodien aus der Zeit zwischen 1800 und 1940 gesammelt, die lange im Keller des Basler Universitätsarchivs lagerten. Müller bereitete mit seinem Team dieses musikalische Erbe auf und machte es zugänglich – ein Fundus, der Walsers Verständnis für die Vielfalt und Geschichte der Schweizer Volksmusik prägte.
Florian Walser interessierte, wie unterschiedlich sich Volksmusik in Europa entwickelt hat. Während etwa in Skandinavien historische Musizierpraktiken bis heute ununterbrochen gepflegt werden, gab es in der Schweiz durch das Aufkommen von Akkordeon und Schwyzerörgeli einen Bruch mit der Tradition. Im Zürcher Niederdorf der 1920er-Jahre entstand die neue und tänzerische Ländlermusik, virtuos und mit Klarinette, Schwyzerörgeli, Akkordeon und Bass besetzt. Diese unterschied sich von der einfachen und melodiösen Volkskunst des 19. Jahrhunderts, die ein viel reicheres Instrumentarium besass und deutlich mehr verschiedene Tanzarten umfasste. In der Zeit vor 1900 fand Walser seine musikalischen Wurzeln.
Atmosphäre des Aufbruchs
Bis in die 1970er-Jahre verbreitete das Schweizer Fernsehen die Ländlermusik intensiv, bevor Festivals wie jenes auf der Lenzburg begannen, das festgefahrene Genre zu öffnen. In dieser Atmosphäre des Aufbruchs entstand 2006 die erste Idee zur «Stubete am See» in der Tonhalle Zürich. Dort fanden Musiker*innen ideale Bedingungen – akustisch wie künstlerisch. Gemeinsam mit Gleichgesinnten wollte Florian Walser die folkloristischen Wurzeln neu entdecken und sie einer breiten Öffentlichkeit näherbringen. Ziel war es, Volksmusik nicht als museale Gattung, sondern als lebendige, sich ständig wandelnde Form zu präsentieren.
Von Beginn an setzte Walser auf stilistische Vielfalt. Doch nicht alle nahmen das Projekt positiv auf: Vertreter der traditionellen Ländlerszene kritisierten, dass die Konzerte in einem «elitär» wirkenden Rahmen wie der Tonhalle stattfanden. Walser reagierte mit Offenheit: Er lud die Skeptiker zur nächsten Ausgabe ein. Viele von ihnen änderten ihre Meinung, beeindruckt von der Energie und Ernsthaftigkeit, mit der er die Volksmusik präsentierte.
Auch 17 Jahre nach dem ersten Festival bleibt der Grundgedanke derselbe: Die Stubete konzentriert sich auf die aktuelle Schweizer Volksmusik. «Ich will damit die lokale Kultur stärken», sagt Walser. Für ihn ist Volksmusik kein starres Kulturgut, sondern ein lebendiger Prozess, empfänglich für Einflüsse – und frei von politischer Vereinnahmung. Tänze wie Schottisch, Mazurka oder Polka zeigen, wie internationale Formen in der Schweiz eigene Prägungen gefunden haben. Neben Konzerten gehören für Walser daher unbedingt eine Tanzbühne und der Stubete-Ball zum Festival – denn Volksmusik war und ist meist Tanzmusik.
Das Programm für die Jubiläumsausgabe im August 2026 steht bereits. Vielleicht, so deutet Walser an, wird zum 10. Festival erstmals eine ausländische Gruppe in der Tonhalle Zürich spielen. Doch der Kern bleibt unverändert: die Freude an der einfachen Musik der Region – nah am Volk, offen für die Welt.
