Progressive Rock meets Orgel
Der Schweizer Organist Yves Rechsteiner bringt mit seinem Trio RCM bisher ungehörte Klänge in die Grosse Tonhalle.
Yves Rechsteiner, Sie werden das Abschlusskonzert der diesjährigen Orgeltage gestalten. Was erwartet uns da?
Kurz gesagt: Wir vom Trio RCM spielen Stücke grosser Rockgruppen aus den 1970er-Jahren, die wir für unsere Instrumente, also für Orgel, Gitarre und Schlagzeug, angepasst haben.
Warum genau diese Musik?
Das Genre heisst «Progressive Rock» und wird auch «Symphonic Rock» genannt. Diese Bezeichnung weist auf zwei Eigenschaften dieser Musik hin. Einerseits sind die Werke viel länger als übliche Rockstücke – mitunter bis zu 20 Minuten. Dadurch kann ein Song zahlreiche spannende Themen enthalten. Andererseits besitzt diese Musik eine unglaubliche Klangvielfalt. Das ist es, was uns besonders gefällt und interessiert. Wir nutzen die Möglichkeiten der Orgel, des Schlagzeugs und natürlich auch der Gitarre. Das Ganze hat etwas Kaleidoskopisches.
Wie sind Sie darauf gekommen, gemeinsam Progressive Rock zu spielen?
Das hatte tatsächlich mit der Willkür des Lebens zu tun. Ich habe vor mehr als 15 Jahren angefangen, mit Henri-Charles Caget aufzutreten. Damals erstellte ich Orgelübertragungen und dachte mir, dass es nett wäre, zu den Opern von Jean-Philippe Rameau eine Perkussionsbegleitung zu haben, um den Tänzen mehr Rhythmus zu verleihen. Die Orgel ist ein sehr rhythmusarmes Instrument, es fehlt ihr klanglich etwas am Anschlag. Daher fand ich zusätzliches Schlagzeug super. Das hat so gut funktioniert, dass wir begonnen haben, regelmässig zusammenzuspielen. Aber eben: zunächst reines Barockrepertoire, später kamen auch Werke von Mozart und Haydn dazu. 2012 habe ich dann die Musik von Frank Zappa kennengelernt – das war eine grosse Entdeckung für mich. Natürlich wollte ich anschliessend ein Projekt für Orgel und Perkussion durchführen, was wir auch gemacht haben. Durch Zufall haben wir 2014 ein Konzert gegeben und festgestellt, dass das Orchester von Toulouse im selben Jahr ebenfalls Zappa spielte. Für dieses Programm war der Gitarrist Fred Maurin eingeladen. Wir kannten ihn nicht, haben ihn aber kontaktiert und gefragt, ob er Interesse hätte, einen Tag vor dem Konzert mit dem Orchester anzureisen und mit uns aufzutreten. Wir waren alle derart angetan von dieser Kombination, dass wir beschlossen haben, nun regelmässig zusammenzuarbeiten, und so sind wir ein Trio geworden.
Wie schreiben Sie die Arrangements für diese ungewöhnliche Besetzung?
Wir haben einen ganz persönlichen Prozess. Zuerst erarbeite ich eine Orgelfassung. Danach erstellt der Perkussionist in einer zweiten Phase seinen eigenen Teil, aber mit meiner Version im Gehör. Er fügt also eine neue Schicht von Klängen auf Basis des Orgelklangs hinzu. Die Gitarre hat zwei verschiedene Funktionen: Entweder spielt sie die Melodie und hat damit eine lyrische Aufgabe, oder sie ist für die Basslinie zuständig. Die Perkussion bildet den rhythmischen Part der Musik – was ganz natürlich ist –, doch manchmal übernimmt sie auch melodische Elemente.
Die Orgel ist ja als «das» Instrument für Improvisationen bekannt. Werden wir davon in der Tonhalle etwas zu hören bekommen?
Im Progressive Rock gibt es immer wieder Teile, in denen wie im Jazz improvisiert wird. Da Maurin Jazz-Musiker ist, hat er diese Kultur sehr verinnerlicht und kann das auf der Gitarre unglaublich gut. Im Konzert bei den Orgeltagen wird es mindestens zwei oder drei Momente geben, in denen er mehrere Minuten lang frei improvisiert. Auch Henri-Charles Caget hat bei jedem Auftritt Solo-Perkussions-Stellen, bei denen das Publikum jeweils begeistert aufspringt. Ich selbst bin kein grosser Improvisator. Aber natürlich werde ich das machen.
Sie sind als Organist äusserst vielfältig unterwegs: Sie sind Dozent in Lyon, Mitglied im Ensemble Alpbarock und somit ein Förderer von alter Schweizer Musik. Ihre Aufnahmen umfassen beispielsweise Werke von Liszt und Rameau. Wie bringen Sie das unter einen Hut? Legen Sie einen Schalter um, um Rock zu spielen?
Mmh, das ist eine interessante Frage. Zurzeit trete ich vor allem solistisch auf und interpretiere dabei meist eigene Bearbeitungen, die von Bach, Rameau, sinfonischer Musik oder auch von Rockstücken stammen. Daneben bin ich oft mit dem Trio RCM oder im Duo mit Schlagzeug unterwegs. Jede Gattung verlangt spezielle Spielweisen, die ich respektiere. Ich habe in den letzten Jahren viel über den Rockstil gelernt. Wie ein Anfänger habe ich diese Musik studiert. Am meisten musste ich mir die Kultur des Rhythmus aneignen. Rock weist einen starken, beherrschten Rhythmus auf, wie wir ihn in der klassischen Musikausbildung nicht lernen. Bestimmte Stücke von Frank Zappa sind sehr komplex und ähneln zeitgenössischer Musik. Das macht dieses Projekt so spannend. Wir spielen ja nicht den typischen Rock im Zweiertakt. Es sind wirklich raffinierte Stücke – rhythmisch, melodisch und harmonisch.
Ecken Sie mit Ihren Programmen an?
Seit etwa 20 Jahren habe ich den Ruf, der «Bad Boy» der Orgelwelt zu sein. Leider muss ich sagen: nicht ohne Schmerz. Als ich vor rund zehn Jahren anfing, immer mehr solche Programme ausserhalb des klassischen Rahmens in das von mir geleitete Festival «Toulouse les Orgues» aufzunehmen, wurde es kompliziert für mich in der Orgelszene. Man fragte sich: «Wer ist dieser Rechsteiner, der bei diesem grossen Festival so komische Sachen bringt?» Mittlerweile ist es einfacher und ich treffe auf mehr Verständnis. Die Leute sehen, dass es mir darum geht, die Orgel für andere Stile zu öffnen. Nicht nur für Rock, sondern auch für experimentelle Musik. Natürlich habe ich damit ein neues Publikum in die Orgelkonzerte gebracht. Das ist unter anderem der Zweck unseres Konzerts bei den Orgeltagen in Zürich: Wir wollen eine vielfältige Zuhörerschaft anziehen – mit dieser Rock-Energie, die wiederum die Orgelfans überrascht. Es entsteht eine völlig andere Atmosphäre im Saal.
Orgelkonzerte finden oft in Kirchen statt. Sind die Stücke, die Sie mit ihrer Band spielen, dort ein Tabu?
Die erste Schwierigkeit, der wir uns stellen mussten, betraf tatsächlich Kirchen. Einmal hatten wir ein Problem mit einem Priester wegen Mike Oldfields Stück «Tubular Bells», das im Film «Der Exorzist» verwendet wurde. Er war sehr dagegen, weil er der Meinung war, dass diese Klänge nicht in ein Haus Gottes gehören. Wir entgegneten: «Es ist reine Instrumentalmusik, es gibt ja keinen Text.» Aber dennoch war das schwierig. In Kirchen haben wir manchmal solche Probleme. Einige Leute betrachten Rock als «schmutzige » Musik, die man dort nicht spielen darf. Dabei gibt es sogar katholischen Rock. Doch diese ästhetische Frage ist natürlich komplex.
Nun spielen Sie diese Progressive- Rock-Stücke in der Grossen Tonhalle, einem historischen Saal aus dem Jahr 1895. Passt das Ihrer Meinung nach?
In Konzerthäusern haben wir diese eben genannten Probleme weniger. Wir spielen oft in sinfonischen Sälen, zum Beispiel in Québec, Philadelphia, Budapest oder Lyon. Da gibt es heutzutage ohnehin auch nicht-klassische Programme – genau wie in der Tonhalle. Die Geschichte des Saals ist mir dennoch bewusst. Ich muss gestehen, dass ich sehr stolz bin, zum ersten Mal in meinem Leben ein Konzert dort zu geben.
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