Spielt er, strahlt er

Woche für Woche erleben Sie unsere Musikerinnen und Musiker im Konzert, haben mit ihnen nach dem Konzert oder an einem Tag der offenen Tür ein paar Worte gewechselt – small talk eben. Doch wer sind die Menschen hinter dem Orchestermitglied? Was bewegt sie, weshalb sind sie ausgerechnet Musikerin geworden und nicht Arzt oder Lehrerin? Wie lebt es sich in der Gemeinschaft Orchester?

Lesen Sie das Porträt von Solocellist Thomas Grossenbacher, das Melanie Kollbrunner sehr persönlich gezeichnet hat. Gewisse Seiten des Cellisten werden Sie im Konzert wahrgenommen haben, andere geahnt und neue werden Sie nun kennen lernen. Viel Vergnügen bei der Lektüre.

Thomas Grossenbacher ist seit mehr als 26 Jahren Solocellist im Tonhalle-Orchester Zürich. Jetzt nimmt er Abschied, zieht weiter und freut sich auf ein Wiedersehen mit seinem Publikum.

Tonleiter rauf, Tonleiter runter. Dreiklänge langsam, schneller, sehr schnell, so schnell als möglich. Thomas Grossenbacher sitzt in einem der Übungszimmer ob der Tonhalle Maag und streicht sein Cello. Er hat um halb sieben in Tagelswangen den Bus genommen, dann die S3, ist vor den Kolleginnen und Kollegen angekommen, um sein Ritual durchexerzieren zu können. Intonation, Vibrato. «Bevor der Lärm des Tages einsetzt», sagt er. Der Morgen sei eine reine, eine saubere Zeit.

«Von nichts kommt eben nichts, auf einem Streichinstrument schon gar nicht», sagt er. Ausnahmetalente, die von ihrer Gabe zehren und wenig für ihr Können leisten müssen, gebe es zwar. «Wenn man gut hinhört, erkennt man in dieser Art von Können aber manchmal Gekonntheit anstelle von Substanz.» Diese Art des Musizierens interessiert ihn nicht. «Es gibt dem Leben erst Sinn, wenn man das Beste von sich verlangt, es sich richtiggehend abverlangt.» Er überlegt und schiebt hinterher: «Vielleicht Erziehungssache?»

Mit Flüchtlingskindern gross geworden

In seinem Fall war Erziehung Sache seines Vaters, Prediger einer Chrischona-Gemeinde. Thomas Grossenbacher ist im Umfeld einer evangelischen Freikirche aufgewachsen, im Bibel- und Erholungsheim in Männedorf. Erziehung war vor allem auch Sache seiner Mutter: Sie zog neben seinen drei grösseren Geschwistern vier Flüchtlingskinder aus Kambodscha auf. Sie musizierte mit der Familie und legte ihrem jüngsten Sohn im Alter von zehn Jahren das Cello nahe: Immerhin gab es neben ihr am Klavier bereits eine Schwester und einen Bruder, die Geige spielten.

Drei Lektionen bei der damaligen Solocellistin des Tonhalle-Orchesters Zürich genügten und Thomas Grossenbacher wusste, dass er Musiker werden will, derart charismatisch sei Tatjana Valleise gewesen. «Alle meine Lehrer waren fantastisch und genau die richtigen zum richtigen Zeitpunkt». Allesamt klingende Namen: in Zürich waren es Mischa Frey und Claude Starck, in Lübeck David Geringas.

Im Alter von 24 Jahren gingen ihm die Stipendiengelder aus. Zeit für ein Probespiel beim ehemaligen Sinfonieorchester des NDR in Hamburg (dem heutigen NDR Elbphilharmonie Orchester), wo er sich eine Tuttistelle und drei Jahre später die zweite Solostelle erspielte.

Als er von der Pensionierung seines Vorgängers in Zürich hörte, machte er sich an die Vorbereitungen zum Bewerbungsverfahren und wurde hier prompt als Solocellist gewählt: «Ein Wunder», sagt er bescheiden.

Celloyoga trotz Corona

Haltung und Rituale sind Thomas Grossenbacher in der Vermittlung heute so wichtig wie ein gesundes Selbstvertrauen, zumal Bescheidenheit auf der Bühne rein gar nichts verloren habe. All dies trainiert er auch selbst bei seinem «Celloyoga», wie er die tägliche Übungsroutine gegenüber seinen Studentinnen und Studenten als jene rund zwanzig Minuten beschreibt, die er brauche, um seine Person mit dem Instrument zu verbinden.

Aber gewöhnlich verläuft gerade auch Thomas Grossenbachers Tag nicht, auch er muss seine Übungsrituale in die vier Wände verlegen, zumal dieses Coronavirus um die Welt geht und das Leben um ihn herum lahmlegt. Das trifft ihn exakt in jener Zeit, in der er sich verabschieden will von seinem Publikum und dem Orchester, mit dem er über ein Vierteljahrhundert musiziert hat. Nun stehen Konzerte an, auf die er sich besonders freut: Der halbszenische Fidelio allen voran, noch einmal Beethoven, der ihm von allen am liebsten ist, wenn es um Orchestermusik geht. Als Stimmführer von Paavo Järvi und den Musikerinnen und Musikern trotz Coronavirus musikalisch noch Abschied nehmen zu dürfen, darauf hofft er.

Noch intimer, noch intensiver

«Wo will er bloss hin?», fragen die Leute, die ihn jahrelang auf der Bühne beobachtet haben, wie er alles um sich herum auszuklammern scheint, wie er mit seiner Umgebung im Gespräch ohne Worte ist, und wie er strahlt, wenn er spielt. Auch der Musikkritik ist es zu Ohren gekommen und den Hausangestellten, und alle stellen sie die selben Fragen: «Hat er denn genug vom Orchester? Probleme mit den Kollegen hat er wohl kaum? Er wird aber weiterspielen, oder?» Manche sagen, das treffe das Orchester doch in der Seele, wenn Thomas Grossenbacher gehe.

Hört er dies, dann lacht er. Er gehe nicht wegen des Orchesters, im Gegenteil. Er liebe es auf alle Arten, menschlich wie musikalisch, höchstens wolle er das Musizieren noch intensivieren, auf noch dialogischere, noch intimere Art im Zusammenspiel in kleineren Gruppen setzen: In einem vollen Pensum als Cello- und Kammermusiklehrer an der Zürcher Hochschule der Künste, wo er schon heute elf junge Leute unterrichtet und sie in seiner Formation SaltoCello schult. Wann, wenn nicht jetzt, wo ein Lehrerkollege in Pension ginge und ihm selbst noch zehn Jahre Arbeitszeit bevorstünden? Aufs Unterrichten setzen, wo ihm doch der Nachwuchs so wichtig ist. Noch konzentrierter arbeiten, das Gespräch pflegen in der Probenarbeit, wie es in einem Orchester kaum möglich sei, was in der Natur eines grossen, komplizierten Organs liege. In kleinen Formationen leise sein. «Ich möchte frei sein. Und möglichst viel vom Lärm im Leben ausklammern.»

Melanie Kollbrunner

veröffentlicht: 04.04.2020