«Wie tickt mein Register?»
Ein Mentoring-Programm fördert Orchester-Praktikant*innen im Tonhalle-Orchester Zürich individuell. Es geht weit über die Erarbeitung von Werken hinaus.
Sarina Zickgraf, stellvertretende Solo-Bratschistin, und Orchester-Praktikantin Miranda Nordqvist treffen sich zwei Mal im Monat in einem der Übungsräume in der Tonhalle. Hier bekommt die Praktikantin und ZHdK-Studentin die Gelegenheit, sich zum aktuellen Programm des Tonhalle-Orchesters Zürich mit ihrer Mentorin auszutauschen. Kürzlich haben sie Passagen aus Rodolphe Schachers Familienstück «Der Froschkönig» besprochen. Manchmal gehe es aber darüber hinaus, sagt Miranda Nordqvist, und sie könne auch anderes Repertoire für ihre eigenen Vorspiele mitbringen und dadurch wichtige Inputs erhalten. Die Gestaltung des Mentorings ist individuell und bedürfnisorientiert.
Alle Studierenden, die im Tonhalle-Orchester Zürich ein Praktikum machen, werden in diesem Stil begleitet. Die ursprüngliche Idee dafür, erzählt Sarina Zickgraf, kam vom österreichischen Dirigenten Herbert von Karajan. Mit seiner 1972 gegründeten Karajan-Akademie sollte der Nachwuchs – in seinem Fall derjenige der Berliner Philharmoniker – gefördert werden. «Das war die erste Akademie, die ein Mentoring etablierte», meint Sarina Zickgraf. Sie selbst hat im letzten Jahr ihres Bachelor-Studiums ein Praktikum beim SWR Symphonieorchester absolviert. Dort hätte sie zwar keinen Einzelunterricht erhalten, aber trotzdem Unterstützung von Personen aus dem Bratschen-Register bekommen. Jedes Orchester handhabe das eben ein wenig anders.
Miranda Nordqvist, aufgewachsen im schwedischen Uppsala, hatte ihr Probespiel für das Praktikum im Tonhalle-Orchester Zürich im Mai 2025. Davor studierte sie bereits ein Jahr an der ZHdK im Master Music Performance. Ihr Mentoring dauert ebenfalls ein Jahr, wobei sie in der ersten Hälfte durch Héctor Cámara Ruiz begleitet wurde, Sarina Zickgraf ist für die zweite Halbzeit zuständig. Dass genau diese beiden sie betreuen, war schon vor dem Probespiel klar: Ein Rotationsschema sorgt dafür, dass jedes Jahr jemand anderes Mentor*in ist.
Ihre Dozierenden an der ZHdK seien sehr fokussiert auf das Solo-Repertoire, sagt Miranda Nordqvist, deshalb sei das Mentoring-Programm im Orchester eine entscheidende Ergänzung. Neben den Stunden im Übungsraum könne sie auch sonst vor, während und nach den Proben Fragen stellen. Das helfe ihr, mit dem Druck umzugehen, der zum Absolvieren eines Orchester-Praktikums gehört. Das übergeordnete Ziel ist, sich als Teil des Registers zu fühlen – und zwar nicht nur rein musikalisch: «Es ist wichtig zu wissen, wie mein Register tickt», hält sie fest. Es geht im Kern um das Verstehen der Gruppendynamik, um das Menschliche, um Sozialkompetenz. Wie reagieren die anderen aus dem Register in bestimmten Situationen? Welche Entwicklungen gibt es in einer Probenwoche? Welche Passagen gilt es besonders im Auge zu behalten?
Sarina Zickgraf bestätigt dies: Im Studium läge der Fokus stark auf dem Solo-Repertoire, aber für das Orchester brauche man andere Skills. Einerseits müsse man seine eigene Stimme heraushören können – auch wenn das teilweise schier unmöglich scheine. Andererseits müsse man alles, was rundherum geschieht, wahrnehmen. Als Mentorin kenne sie beide Seiten – die als Studierende und die als Orchestermusikerin, weshalb sie sich gut in Miranda Nordqvist hineinversetzen und ihr damit die optimale Unterstützung bieten kann.
Und warum eigentlich Bratsche? Beide hatten zunächst auf der Geige angefangen und sind dann umgestiegen. Es sei der Klang, der sie fasziniert: «Der Klang der Bratsche ist wie dunkle Schokolade», beschreibt Sarina Zickgraf ihr Instrument. Und Miranda Nordqvist erhielt nach dem definitiven Wechsel auf die Viola neue Möglichkeiten, in Kammermusik-Ensembles und Orchestern mitzuwirken. Sie kann sich gut vorstellen, eines Tages auch Mentorin zu werden.
