Von Pionier zu Revolutionär
Auch die grössten Komponisten haben einmal klein angefangen. Einige von ihnen lernten von anderen Giganten der Musikgeschichte.
Etwas mehr als ein Jahr – von November 1792 bis Januar 1794 – war Ludwig van Beethoven Schüler von Joseph Haydn. Er habe aber nichts von ihm gelernt, soll er einmal geäussert haben, oder zumindest wurde diese Geschichte lange Zeit so erzählt. Mittlerweile hat die Wissenschaft mit dieser Legende aufgeräumt. Tatsächlich finden sich sogar noch in Beethovens Spätwerken Spuren vom Einfluss des berühmten «Vaters» der Sinfonie.
Haydn, der damals als einer der bedeutendsten lebenden Komponisten galt, lernte Beethoven vermutlich am 26. Dezember 1790 auf der Rückreise von einem triumphalen England-Aufenthalt in Bonn kennen und akzeptierte ihn als Schüler. Nach einem zweiten Zusammentreffen in Bonn im Jahr 1792 zog Beethoven nach Wien, um bei Haydn Unterricht zu nehmen – beziehungsweise «Mozarts Geist aus Haydns Händen» zu empfangen, wie es der Mäzen Ferdinand Ernst von Waldstein formulierte. Beethoven hatte nämlich ursprünglich bei dem früh verstorbenen Wiener Klassiker studieren wollen.
Haydns Unterricht sah anders aus, als wir ihn uns vielleicht zunächst vorstellen würden. Beethoven erhielt keine Kompositionsstunden, in denen er an eigenen Werken feilte. Die gemeinsamen Treffen lassen sich eher als ein Dialog auf Augenhöhe im Stil eines Meisterkurse» charakterisieren. Daneben kopierte und analysierte Beethoven die Stücke seines prominenten Lehrers.
Das war ein kostspieliges Unterfangen: Unterricht bei Haydn war nicht günstig. Irgendwann hatte Beethoven daher Schulden bei seinem Mentor. Da Haydn jedoch von Beethovens Talent überzeugt war, bat er dessen Landesherrn um eine grössere finanzielle Unterstützung. Er begründete seine Entscheidung mit folgenden Worten: «Kenner und Nicht-Kenner müssen aus gegenwärtigen Stücken unparteiisch eingestehen, dass Beethoven mit der Zeit die Stelle eines der grössten Tonkünstler vertreten werde, und ich werde stolz sein, mich seinen Meister nennen zu können.»
Zwar wurde das Gehalt danach nicht erhöht, aber Beethoven erhielt immerhin die Erlaubnis, in Wien zu bleiben, wo er sich Schritt für Schritt zu einem Publikumsliebling entwickelte. Das Verhältnis der beiden Komponisten begann nun zu kippen. Haydn hatte offenbar kein Verständnis für die mitunter ruppige Art seines ehemaligen Schützlings und soll dessen Hang zum «Sonderbaren» moniert haben. Direkt nach seiner zweiten grossen Londoner Reise (von Januar 1794 bis August 1795) besuchte er die Aufführung von Beethovens Trios für Klavier, Violine und Violoncello op. 1 – und riet dem freudig erregten Schüler, das dritte Stück nicht zu veröffentlichen. Eine Kritik, die Beethoven als Neid und Eifersucht deutete – und die Haydn später wieder zurücknahm.
Dass Beethoven nicht nachtragend war, zeigt sich daran, dass er ihm ein Jahr darauf seine drei Klaviersonaten op. 2 widmete. Dem angeblich von seinem einstigen Lehrer gewünschten Titel «Schüler von Haydn» ist Beethoven jedoch nicht nachgekommen. Seine Emanzipation von ihm war bereits vollzogen.
