«Japan ist das Mekka der Klassik»
Paavo Järvi dirigiert schon seit Jahrzehnten in Japan. Hier spricht er über seine Erfahrungen, die bevorstehende Tournee – und verrät sein japanisches Lieblingswort.
Paavo, kannst du dich an dein erstes Konzert in Japan erinnern?
Das war mit dem Tokyo Symphony Orchestra – ich glaube, wir spielten Sibelius’ Sinfonie Nr. 5. Das muss vor etwa vierzig Jahren gewesen sein, als es noch nicht in jeder Ecke Sushi gab. Japan war damals eine total neue Welt für mich, ich fühlte mich wie auf einem anderen Planeten. Das Essen, die Traditionen … Und bei der Sprache kann man nicht einmal raten! Alles, was man sich vorstellen kann, kam mir anders vor.
Auch das Orchester?
Das war sehr gut. Die Musikerinnen und Musiker waren enorm aufmerksam und konzentriert, sie gaben alles für ein gelungenes Konzert. Sie haben mich damals auch als Music Director angefragt.
Das wurdest du viel später – von 2015 bis 2022 – beim NHK Symphony Orchestra in Tokio. Am Ende hast du dieses Orchester parallel zum Tonhalle-Orchester Zürich geleitet. Wie unterscheiden sich die beiden?
Ein Orchester ist wie ein Spiegel seiner Umgebung. In Tokio gilt das noch mehr als in Zürich, auch weil dort fast nur japanische Musikerinnen und Musiker spielen – bei uns sind sie von der Herkunft her viel gemischter. Die japanische Gesellschaft ist sehr hierarchisch organisiert, das merkt man auch im Musikleben. Wenn jemand mit mir sprechen wollte, brauchte er die Erlaubnis von einem, der wiederum von jemand anderem die Erlaubnis erhalten hatte, diese Erlaubnis zu erteilen.
Auch im Westen sind Sinfonieorchester hierarchisch organisiert.
Ja, aber in Japan hat es noch eine andere Dimension. Für mich ist es zum Beispiel sehr wichtig, dass ich Augenkontakt habe zu den Musikerinnen und Musikern. Doch am Anfang vermieden sie das, weil es als unhöflich gilt. Ich habe sie dann gebeten, mich anzuschauen. Bei den Jüngeren hat es geklappt, bei den Konzertmeistern sowieso, sie sind hierarchisch auf einer anderen Ebene. Einige der Älteren blieben dagegen dabei, dass sich das nicht gehört. Das war okay, ich habe ja verstanden, woher es kommt. Es ist kein Mangel an Verbindung, sondern es ist die Kultur, das muss man respektieren.
Welche Dinge sind dir sonst noch aufgefallen im Orchesteralltag?
Die Pünktlichkeit! Wenn eine Probe um 10 Uhr beginnt, stimmt die Oboe um exakt 9.59 Uhr ihr «a» an. Oder auch die Präzision: Die Musikerinnen und Musiker sind immer sehr gut vorbereitet; wenn ein Crescendo an einer bestimmten Stelle anfängt, hört man das. Entsprechend klar muss ich kommunizieren, wenn ich etwas anders haben will. Im Stil von: Ich weiss, dass hier ein Crescendo steht, aber ich möchte es ein wenig später. Das wird notiert, und dann klappt es.
Du bist ein sehr spontaner Dirigent, vieles ergibt sich erst im Moment des Konzerts. Wie passt das zu einer akribischen Vorbereitung?
In dieser Hinsicht habe ich die Erwartungen ganz gezielt nicht erfüllt – sondern getan, was die Kunst verlangt. Das hat auch gut funktioniert. Wie gesagt, das Niveau in dem Orchester ist hoch. Viele Musikerinnen und Musiker haben in Europa oder in den USA studiert, sie sind unsere Art sowieso gewohnt. Wir hatten wirklich wundervolle Konzerte mit dem NHK. Ich bin sehr stolz auf dieses Orchester.
Wie sehr hast du dich auf die japanische Kultur jenseits der Konzertsäle eingelassen?
Ich war überall! Bei Sumō-Kämpfen, im Kabuki-Theater, bei Tee-Zeremonien … Einmal besuchten wir für einen Dokumentarfilm eine Sake-Brauerei, auch dort gab es dann eine Tee-Zeremonie. Da habe ich sogar einen Kimono getragen.
Wenn du nach Japan reist – was tust du als Erstes?
Als ich noch beim NHK war, gab es gleich gegenüber von meinem Hotel meinen Lieblings-Massagesalon. Da ging ich regelmässig hin, das war nötig nach der Reise. Es gibt auch ein paar Restaurants, die ich eigentlich immer besuche. Aber in den ersten Tagen schlafe ich vor allem. Der Jetlag ist brutal, ich brauche mehr als eine Woche, bis ich im neuen Zeitsystem angekommen bin. Und oft reise ich nach einer Woche schon wieder weiter … Beim NHK blieb ich jeweils drei Wochen, das kam mir sehr entgegen.
Wie hast du dich damals sprachlich zurechtgefunden?
Das Faszinierende in Japan ist, dass das Bedürfnis nach einer zweiten Sprache dort nicht wirklich ausgeprägt ist. In Europa können alle Englisch, in Tokio nicht. Ich habe Besitzer von milliardenschweren Unternehmen getroffen, die nicht viel mehr als «Hello» und «Cheers» sagen konnten, sie hatten immer Übersetzer dabei. Umgekehrt habe ich mir allerdings auch nur wenige Wörter merken können. Es ist sicher möglich, Japanisch zu lernen, aber man muss sich sehr reinhängen.
Hast du ein japanisches Lieblingswort?
Am Morgen, wenn man bei einer Probe vor das Orchester tritt, sagt man: «Ohayō gozaimasu», also «Guten Morgen». Das wird erwartet, es ist ein Zeichen von Respekt. Auch das mag ich übrigens in Japan: Eine gewisse Form wird immer gewahrt. Selbst wenn dich jemand nicht mag, fällt er doch im persönlichen Umgang nie unter ein bestimmtes Niveau.
Das japanische Publikum mag dich sehr …
Ich weiss nicht, warum, aber da gibt es tatsächlich eine grosse Fangemeinde. Nach den Konzerten warten immer Hunderte von Leuten beim Künstlereingang. Bei einzelnen tendiert es fast ein bisschen in Richtung Stalking. Doch bei den meisten ist es wirklich berührend. Sie haben entschieden, dass sie das wollen, und sind dann sehr treu.
Wie erlebst du das Publikum während der Konzerte?
Da herrscht eine sehr stille, konzentrierte Aufmerksamkeit. Man hat das Gefühl, die Leute im Saal suchen diese innere Tiefe, die es in der klassischen Musik gibt – vielleicht sogar mehr als anderswo. Bruckner-Sinfonien zum Beispiel sind fast überall eine Herausforderung, weil sie so lang sind. In Japan nicht, dort spürt man, dass das Publikum diese Musik verstehen und sich wirklich darauf einlassen kann.
Hat dieses Zuhörenkönnen auch mit der Qualität der Konzertsäle zu tun?
Es gibt in keinem anderen Land so viele herausragende Säle wie in Japan! Was sie zu bieten haben in Sachen Akustik ist wirklich unglaublich. Manchmal dirigiert man in einem Saal, von dem es heisst, er sei in Ordnung, aber halt nicht top, nicht ganz so grossartig wie die legendäre Suntory Hall. Und dann ist er so gut, dass jede Stadt im Westen froh wäre darum.
Reisen auch deswegen so viele Orchester regelmässig nach Japan?
Unter anderem. Aber auch sonst: Japan ist das Mekka der Klassik, wobei China und Südkorea aufholen. In Südkorea etwa fühlt man sich wie ein Rockstar – und das Publikum ist noch jünger als in Japan. Doch Japan bleibt stark. Die CD-Boxen, die wir produzieren, werden fast alle dort verkauft. In Europa streamen die meisten.
Welchen Ruf hat denn das Tonhalle-Orchester Zürich in Japan?
Es wird respektiert und geliebt, das ist mir bei der letzten Tournee sehr aufgefallen. Das nächste Ziel ist die Verehrung! Im Ernst: Es gibt ja Orchester, die aus historischen Gründen einen gewissen Glamour haben. Oder die aus Städten kommen, die von aussen gesehen poetischer wirken als Zürich. Wir müssen uns diese Aura Schritt für Schritt aufbauen – aber wir sind gut unterwegs.
Spielen dabei auch die Solistinnen eine Rolle? In Japan ist unter anderem Janine Jansen dabei.
Janine Jansen ist ein Segen in jeder Hinsicht, als Person, als Musikerin. Aber sie ist sozusagen die Kirsche auf der Torte, das Wichtigste bleibt das Orchester. Dieses soll gesehen und gehört werden. Das braucht Zeit, und man muss strategisch geschickt vorgehen. Alles, was wir tun, muss interessant sein, jedes Puzzle-Teil muss stimmen. Die Japan-Tournee ist ein weiteres solches Teilchen. Und wir werden gut sein.
Was wirst du von der Tournee mit nach Hause nehmen?
Hoffentlich viele musikalische Erinnerungen! Aber sicher nichts Materielles, das mache ich nie. Ich reise gerne leicht
