Wayne Marshall (Foto: Charlie Best)
Wayne Marshall

«Wenn ich nicht üben durfte, gab es einen Aufstand»

Er improvisierte schon als Kleinkind am Klavier, verliebte sich früh in die Musik von George Gershwin und entdeckte das Dirigieren eher zufällig. Ein Gespräch mit Wayne Marshall über Schlüsselerlebnisse, dank denen etwas Neues anfing.

Franziska Gallusser

Wayne Marshall, Sie haben bereits im Alter von drei Jahren nach Gehör Klavier gespielt und erst später Notenlesen gelernt. War das schwierig?

Ja! Meine Mutter spielte Klavier und mein Vater sang. Ich hörte ihnen beim Musikmachen zu, ahmte es sofort nach, improvisierte darüber und entwickelte es weiter. Mit acht Jahren bekam ich dann professionellen Klavierunterricht. Nach ungefähr drei Wochen sagte meine Lehrerin zu mir: «Wayne, wenn du als Musiker weiterkommen willst, musst du Noten lesen lernen.» Das war hart, denn ich konnte ja bereits spielen. Aber sie hatte natürlich recht. Ich musste also praktisch wieder bei null anfangen, alles vergessen, was ich mir instinktiv angeeignet hatte und Musik neu kennenlernen – Note für Note. Dabei wurde mir bewusst, dass ich über ein absolutes Gehör verfüge, was mir auf meinem Weg enorm geholfen hat.

Ihre Eltern waren also beide musikalisch. Was sind Ihre frühesten Erinnerungen diesbezüglich?

Musik war einfach Teil unseres familiären Alltags. Meine Eltern waren 1957 von Barbados nach Grossbritannien eingewandert. 1961 wurde ich geboren, und jeden Sonntag gingen wir in die Kirche, die direkt gegenüber von unserem Haus war. Ich hörte ständig Chorgesang und Orgelmusik. Daheim wurde ebenfalls immer musiziert. Meine beiden Schwestern sind Sängerinnen geworden.

Gab es denn jemals einen Plan B für Sie?

Nein. Nie! Schon als Kind wusste ich: Die Musik ist mein Leben. Heute bin ich 65 Jahre alt – und daran hat sich nichts geändert.

Wie beginnt eine Improvisation?

Wayne Marshall entdeckte schon früh seine improvisatorischen Fähigkeiten – und hat sie sich bis heute bewahrt. Auf die Frage, wie er wisse, was er spielen solle, antwortet er: «Improvisation ist für mich eine Art spontane Komposition. Ich plane nie im Voraus, sondern reagiere auf den Moment, den Raum und die Stimmung. Es ist etwas sehr Instinktives. Oft entsteht alles aus einem kleinen Impuls wie einer Harmonie, einem Rhythmus oder einer Melodie. Daraus entfaltet sich die Musik ganz organisch. Ich kenne unglaublich viele Werke aus Jazz, Klassik und Kirchenmusik – all das fliesst unbewusst mit ein. Und das Beste ist: Es gibt keine Fehler, denn es ist ja improvisiert. Ich liebe diese grenzenlose Freiheit!»

Im Alter von acht Jahren hörten Sie zum ersten Mal Gershwins Concerto in F. Das war offenbar ein Schlüsselmoment.

Absolut. Meine Eltern besorgten mir sofort eine Aufnahme und die Partitur. Ich habe das Werk stundenlang gehört und studiert, obwohl ich kaum Noten lesen konnte. Bei uns lief ohnehin ständig Musik. Samstagnachmittags schauten wir im Fernsehen diese grossen MGM-Musicals. Ich war fasziniert von den Orchestern, wobei ich als Kind dachte, all diese Klänge kämen von einer einzigen Person an einem Tasteninstrument. (lacht)

Und wann haben Sie verstanden, was ein Orchester wirklich ist?

In meiner Heimatstadt Oldham in der Nähe von Manchester nahmen mich meine Eltern einmal in ein Musical mit – und zwar in das Stück «White Horse Inn», also die Broadway-Version der Operette «Im weissen Rössl». Plötzlich sah ich dort meine Klavierlehrerin im Orchester sitzen. Das war für mich ein Schockmoment. Ich dachte: «Wow, das sind ja viele Musikerinnen und Musiker!» In der nächsten Unterrichtsstunde sagte ich ganz begeistert zu ihr: «Miss Bush, ich habe Sie gesehen!» Das hat mich unglaublich fasziniert.

Neben dem Klavier lernten Sie auch früh das Orgelspiel. Was war dafür der Auslöser?

Die Kirche. Ich sass dort als kleiner Junge und wollte unbedingt dieses riesige Instrument ausprobieren. Dann kam dieser magische Moment: Während einer Chorprobe für einen Schulgottesdienst fragte mein Lehrer mich plötzlich: «Wayne, kannst du auf der Orgel einen G-Dur-Akkord spielen?» Für mich war das, als würde jemand sagen: «Hier sind eine Million Pfund.» Danach bekam man mich kaum noch von der Orgel weg.

Ihre Eltern mussten Sie also offensichtlich nicht zum Üben überreden.

Nein, wirklich nicht. Das Einzige, was sie tatsächlich nie zu mir sagen mussten, war: «Geh üben.» Ganz im Gegenteil. Das Problem war eher, wenn ich nicht üben durfte. Wenn ich Hausaufgaben machen oder irgendwohin musste, obwohl ich spielen wollte. Dann gab es einen Aufstand. Das war für mich ein rotes Tuch.

1986 entdeckten Sie dann bei der Aufführung von Gershwins «Porgy and Bess» in Glyndebourne Ihre Leidenschaft fürs Dirigieren. Wie kam es dazu?

Ich habe damals meine Schwester am Klavier begleitet, als sie für den Opernchor vorgesungen hat. Simon Rattle leitete das Vorspiel. Sie suchten jemanden für die Rolle des Jasbo Brown, also des Pianisten auf der Bühne. Simon gab mir die Partitur, ich spielte sie – und erhielt den Job. Ausserdem stellte er mich als Korrepetitor ein.

Und dann?

Dann sass ich plötzlich mitten in dieser Produktion mit Trevor Nunn und Simon Rattle. Für mich war das, als würde ich wieder zur Schule gehen. Ich kannte «Porgy and Bess» damals kaum. Das Entscheidende passierte aber während der Vorstellungen: Meine Aufgabe auf der Bühne war nach gerade einmal sieben Minuten erledigt. Also stieg ich jeden Abend hinunter in den Orchestergraben und schaute Simon beim Dirigieren zu.

Und da entstand der Wunsch, selbst zu dirigieren?

Genau. Vorher hatte ich nie ernsthaft darüber nachgedacht. Eigentlich arbeitete ich ja daran, ein Konzert- und Kirchenorganist zu werden. Nun wollte ich näher an dieser Musik sein, das Orchester hören und beobachten, wie das Ganze zusammenkommt. Im Graben war extra ein Platz für mich reserviert. Ich sass dort Abend für Abend und sog alles auf. Der Rest ist Geschichte.

Neues Leben der alten Orgel

Im Dezember 2023 spielte Wayne Marshall in der Tonhalle Zürich Gershwins Concerto in F am Klavier sowie Improvisationen über Bachs «In dulci jubilo» und Widors «Toccata» aus der 5. Sinfonie auf der neuen Kuhn-Orgel. Auch das frühere Instrument von Kleuker und Steinmeyer kennt er bestens. Nachdem dieses seinen Platz in der Tonhalle verlassen hatte, um 2020/21 in die Kathedrale Mariä Himmelfahrt im slowenischen Koper umzuziehen, gab Wayne Marshall im Mai 2024 ein Konzert dort: «Die Orgel sieht in der Kathedrale einfach grossartig aus – und sie klingt zweifellos fantastisch!»

Dezember 2026
Mo 14. Dez
19.30 Uhr

Orgelrezital: Wayne Marshall

Wayne Marshall Orgel Bach, Hakim, Messiaen, Mulet, Baker, Franck, Marshall, Traditionell
Mi 30. Dez
19.30 Uhr

Silvesterkonzert mit Wayne Marshall

Tonhalle-Orchester Zürich, Wayne Marshall Leitung Gershwin, Ellington, Bernstein, Tschaikowsky, Farrington, Bernstein
Do 31. Dez
19.00 Uhr

Silvesterkonzert mit Wayne Marshall

Tonhalle-Orchester Zürich, Wayne Marshall Leitung Gershwin, Ellington, Bernstein, Tschaikowsky, Farrington, Bernstein
Mai 2027
Do 13. Mai
19.30 Uhr

Paavo Järvi & Wayne Marshall

Tonhalle-Orchester Zürich, Paavo Järvi Music Director, Wayne Marshall Orgel, Mari Eriksmoen Sopran, Catriona Morison Mezzosopran, Sebastian Kohlhepp Tenor, Audun Iversen Bariton, Zürcher Sing-Akademie, Richard Wilberforce Einstudierung Marshall, Beethoven
Fr 14. Mai
19.30 Uhr

Paavo Järvi & Wayne Marshall

Tonhalle-Orchester Zürich, Paavo Järvi Music Director, Wayne Marshall Orgel, Mari Eriksmoen Sopran, Catriona Morison Mezzosopran, Sebastian Kohlhepp Tenor, Audun Iversen Bariton, Zürcher Sing-Akademie, Richard Wilberforce Einstudierung Marshall, Beethoven
Sa 15. Mai
18.30 Uhr

Paavo Järvi & Wayne Marshall

Tonhalle-Orchester Zürich, Paavo Järvi Music Director, Wayne Marshall Orgel, Mari Eriksmoen Sopran, Catriona Morison Mezzosopran, Sebastian Kohlhepp Tenor, Audun Iversen Bariton, Zürcher Sing-Akademie, Richard Wilberforce Einstudierung Marshall, Beethoven
September 2026
Fr 25. Sep
19.30 Uhr

Paavo Järvi & Wayne Marshall

Tonhalle-Orchester Zürich, Paavo Järvi Music Director, Wayne Marshall Klavier Fauré, Gershwin, Bizet
Do 24. Sep
18.30 Uhr

tonhalleCRUSH – classic meets movie themes

Tonhalle-Orchester Zürich, Paavo Järvi Music Director, Wayne Marshall Klavier, Tanya König Moderation Fauré, Gershwin
Mi 23. Sep
19.30 Uhr

Paavo Järvi & Wayne Marshall

Tonhalle-Orchester Zürich, Paavo Järvi Music Director, Wayne Marshall Klavier Fauré, Gershwin, Bizet
veröffentlicht: 14.09.2026