A wie Anfang
Wann beginnt ein Konzert? Für die meisten wohl dann, wenn die Oboe den Kammerton «a’» vorgibt.
Wenn das Publikum durch die Eingangstüren in die Tonhalle Zürich strömt, ist es denkbar heterogen. Die einen kommen direkt von der Arbeit, Puls hoch, Gedanken bei allen möglichen Dingen, die unerledigt geblieben sind. Andere haben sich den ganzen Tag zu Hause darauf gefreut, bis sie den Lippenstift zücken und sich auf den Weg machen dürfen. Manche haben sich auf die Werke des Programms vorbereitet, andere müssen noch kurz nachschauen, was überhaupt gespielt wird. Sie kommen zu zweit, allein oder in Gruppen, haben schon gegessen, einen oder zwei Apéros getrunken oder hatten keine Zeit für gar nichts.
Dann sitzen sie auf ihren Stühlen, die Jacken, Taschen und nassen Schirme haben sie an der Garderobe gelassen, doch der Alltag ist noch da. Kurz das Handy checken, eine schnelle Nachricht rausschicken, die Brille putzen. Es wird geredet, herumgeschaut – sind die Schneiders auch hier? Während sich die Letzten durch die Reihen zu ihren Plätzen zwängen, wird es dunkler im Saal, die Stimme von Sandra Studer bittet um das Ausschalten der Handys. Nun kommt das Orchester auf die Bühne, es wird applaudiert, aber noch immer vibriert der Raum.
Das ändert sich erst, wenn das eingestrichene «a» der Oboe erklingt. Dann ist es plötzlich nicht nur still, sondern ruhig. Während sich das Orchester gruppenweise auf den Kammerton einstimmt, bündeln sich auch im Publikum die verschiedenen Schwingungen.
Dass ausgerechnet die Oboe das «a’» vorgibt und damit den Fokus setzt, ist kein Zufall. Das Instrument hat einen besonders geraden, obertonreichen und daher durchdringenden Klang, er ist überall auf der Bühne und auch im Saal zu hören. In der Schweiz schwingt er auf 442 Hertz – also leicht höher als die 440 Hertz, die 1939 bei der letzten Stimmtonkonferenz in London festgelegt wurden. Damals strebte man eine Vereinheitlichung an, weil der Konzertbetrieb internationaler wurde; die lokal unterschiedlichen Stimm-Gepflogenheiten wurden dadurch zunehmend zum Problem.
Heute haben die Oboisten in der Regel ein Stimmgerät vor sich auf dem Notenständer, wenn sie ihr «a’» spielen. Falls es dann – etwa wegen eines leicht weiteren Rohrs – auf Anhieb ein wenig zu tief oder zu hoch erklinge, könne man rasch korrigieren, sagt der Stellvertretende Solo-Oboist Isaac Duarte. Er sei froh um das Gerät, «auch wenn ich den Ton so oft gespielt habe, dass er in der Erinnerung abgespeichert ist». Das gelte übrigens auch für das restliche Orchester, das seinen Kammerton abnimmt: «Wir sind alle auf diese Frequenz geeicht.»
Nervosität vor diesem ersten Einsatz? Nein, die gebe es nicht, sagt Isaac Duarte. Das «a’» ist eine Selbstverständlichkeit, eine Notwendigkeit, Teil eines Rituals – keine Kunst. Nichts Besonderes für jene, die es spielen. Aber ein unverkennbares, unverzichtbares Zeichen für alle anderen, dass es nun losgeht.
